Die Musik und ganz besonders das gemeinsame Singen waren ein sehr wichtiges Propaganda-Instrument der Nationalsozialisten, um „die Kampfkraft der politischen Gemeinschaft zu stärken“. Vor allem die Jugend sollte mit Hilfe des „Kampfgenossen Musik“ auf Kurs gebracht werden, im „Ringen um die deutsche Seele“ sahen die Funktionäre im Singen nicht zu Unrecht „eine wirkungsvolle gemeinschaftsbildende Kraft“. Bevor sich die Nazis von ihren Komponisten und Textern ihre eigenen sauberen Lieder schreiben ließen, wurde ziemlich unstrukturiert im gesamten Fundus deutscher Volksmusik gewildert. Alles, das deutsch klang, zu dem man marschieren konnte und das nicht bis drei auf den Bäumen war, wurde dem faschistischen Liedgut einverleibt, hier und da umgedeutet und umgetextet. Das deutsche Volkslied hat sich bis heute nicht davon erholt.
Aber nicht alle Jugendliche ließen sich von Hitlerjugend, Bund Deutscher Mädel, von klaren Geschlechterrollen, Marschieren und Trommeln begeistern. Denken wir heute an den Widerstand, fallen uns die Geschwister Scholl, die „Weiße Rose“, Stauffenberg und Georg Elser ein. Fast vergessen hingegen ist der Widerstand von tausenden von Jugendlichen, die dafür teuer bezahlen mussten, mit Straflager, Konzentrationslager, Folter und Tod. Nicht selten einfach nur deshalb, weil sie die „falschen Lieder“ sangen. Wer waren diese „unangepassten Jugendlichen“, die Edelweißpiraten an Rhein und Ruhr, Navajos, Bündische und kirchliche Jugendgruppen, die Leipziger Meuten, die Münchner Blasen, die Swingkids? Wie klangen ihre Lieder? Warum tun wir uns noch heute so schwer damit, sie als Widerstandskämpfer anzuerkennen?
Liedermacher Roland Bliesener nähert sich respektvoll aber unverkrampft einem Thema, über das man „einfach nicht gerne spricht“. 80 Jahre nach Kriegsende ist das dunkelste Kapitel deutscher Vergangenheit noch lange nicht aufgearbeitet. Mit dem Wegsterben der letzten Zeitzeugen und einer gewissen „Was-geht-uns-das-heute-eigentlich-noch-an-Mentalität“ besteht die Gefahr der Verdrängung.
Aber liegt nicht gerade die große Chance der Enkel- und Urenkelgenerationen darin, aus sicherer Distanz, ohne eigene Schuld auf eine Zeit blicken zu können, die uns Angesicht der unvorstellbaren Verbrechen bis heute sprachlos macht. In kaum einer deutschen Familie wurde je über diese Vergangenheit offen gesprochen, übrig geblieben sind ein Halbwissen und ein Volkstrauma, das - unter den (braunen) Teppich gekehrt - gefährlich vor sich hingärt. Wollen wir die nachfolgenden Generationen immun machen gegen ideologische Gehirnwäsche, Rassismus und menschenverachtenden, verbrecherischen Größenwahn, müssen wir ihnen dabei helfen zu verstehen. Verstehen nicht im Sinne von „nachträglicher Absolution“. Verstehen im Sinne von „Begreifen“. Erst wenn wir verstanden haben wie es soweit kommen konnte, wissen wir, wie wir uns zukünftig gegen das „Monster Propaganda“ wappnen können. Die unangepassten Jugendlichen im 3. Reich können uns dabei als Kompass dienen. Ihre Geschichten und Lieder machen Mut und dürfen nicht vergessen werden. Mit diesem Wissen gelingt uns vielleicht auch ein neuer Blickwinkel auf heutigen - oft vor allem von Jugendlichen praktizierten - „Widerstand“. Wie ist das mit Fridays for Future, der Occupy-Bewegung, Tierschutz, Vegetarismus, Veganismus, Anti-Atomkraft, Politikverdrossenheit, Gangsta Hip-Hop, linker (und rechter) Subkultur? Alles nur jugendliche Rebellion, Unangepasstheit und Null-Bock-Mentalität? Oder vielleicht doch viel mehr?
Roland Bliesener aus Pforzheim, Jahrgang 1968, ist Liedermacher, freier Musiker, Tontechniker und Dozent. Er unterrichtet am HOFA-College/Karlsdorf-Neuthard als Dozent für Audiotechnik und er arbeitet als freischaffender Musik- und Medienpädagoge für den Stadtjugendring Pforzheim, die Diakonie, den Deutschen Bibliotheksverband und viele mehr.
Er ist Keyboarder der norwegischen Sängerin Liv Kristine, mit der er weltweit Tourneen spielt. Des Weiteren gibt Roland Bliesener bundesweit Konzerte als Liedermacher. Früher spielte er bei der Band Knutschfleck die Keyboards und arbeitete mit den NDW-Künstlern Hubert Kah, Peter Schilling, Markus und Frl. Menke zusammen. Aus dieser Zeit resultieren mehrere Tonträger und fast 2000 Konzerte.
Dem LiteraDur-Publikum ist Roland Bliesenerer als Mitwirkender bei “Rassler, Bauer, Goldschmied” 2017 im Nöttinger Löwensaal ein Begriff.

