Unsere Kundenbriefe

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Belletristik

Meine geniale Freundin

Elena Ferrante

Porträt einer Frauenfreundschaft
Elena Ferrante ist eine italienische Autorin, von der man bis vor Kurzem fast nichts wusste, weil sie das Rampenlicht meidet. Was man aber weiß: Ihre Bücher wurden in Italien und allen weiteren Ländern, in denen sie erschienen sind, Bestseller. Mit Verspätung werden sie nun auch ins Deutsche übersetzt und die Rezensionen sind fast ausnahmslos voll des Lobes. Bei einem solchen Hype bin ich immer skeptisch und habe gleichzeitig hohe Erwartungen. Hier ist meine Skepsis gleich auf den ersten Seiten in Begeisterung umgeschlagen. Die Geschichte – insgesamt wird es vier Bände geben – ist groß angelegt, große Oper sozusagen, voller detailreicher Milieuschilderungen. Viele unterschiedliche Charaktere bevölkern das Buch auf so lebendige Art, dass man glaubt, sie persönlich zu kennen.
Es geht um zwei Freundinnen im Neapel der 50er Jahre. Lila und Elena wachsen in einem ärmlichen Stadtviertel auf, umgeben von gewaltbereiten Männern und keifenden Frauen. Beide Mädchen sind sehr intelligent, doch nur Elena darf die weiterführende Schule besuchen. Lila ist der Sprung aus ihren begrenzten Verhältnissen durch Bildung verwehrt; vermeintlich macht sie das Beste daraus und heiratet mit sechzehn einen jungen Mann mit Geld aus ihrem Viertel. Mit dieser Hochzeit endet der erste Band. Das Ende, der letzte Absatz lässt die vorherigen Ereignisse in einem so gänzlich anderen Licht erscheinen und erzeugt so viel Spannung, dass ich den zweiten Teil, der Ende Januar erscheinen wird, schon ungeduldig erwarte.

Elisabeth Nagel

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Nora Webster

Colm Toibin

Der Ire Tóibín hat eine Art, die Dinge zu beschreiben, ohne zu erklären oder zu psychologisieren, die ich schon bei „Brooklyn“ sehr mochte. Auch in seinem neuesten Buch berichtet er, ohne zu kommentieren, schildert er ohne Aufregung. Manches bleibt einfach so stehen, bleibt offen.
Es ist die Geschichte eines Verlusts: Nora Webster, Mutter von zwei erwachsenen Töchtern und zwei halbwüchsigen Söhnen, hat ihren Mann nach kurzer, schwerer Krankheit verloren. Das Buch erzählt von den ersten Jahren nach seinem Tod; davon, wie Nora mit ihrer Trauer lebt, sie annimmt und bewältigt. Es geht dabei auch um ganz praktische Dinge: den Verkauf des Ferienhauses z.B. oder die Tatsache, dass sie wieder arbeiten gehen muss, um finanzielle Probleme abzuwenden. Es gibt Schwierigkeiten mit den beiden jüngeren Kindern, die ebenfalls den Tod des Vaters verkraften müssen. Sie wird mit dem Alleinsein konfrontiert, mit dem sie sich schließlich sogar anfreundet. Eine Art Rettung tut sich in der Musik auf, als Nora, die eine schöne Stimme hat, Mitglied eines Chors wird. Nora selbst erlebt man nicht nur als rundum sympathische Person, sie hat auch Ecken und Kanten und kann arrogant sein, aber gerade das macht sie umso glaubwürdiger.

Elisabeth Nagel

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Unterleuten

Juli Zeh

Manchmal kann Idylle auch die Hölle sein
Unterleuten ist ein ganz normales Dorf in Brandenburg, das die DDR-Hierarchien nicht ganz abgelegt hat, weil sie halt immer noch funktionieren. Nach Unterleuten kommen Leute aus der Stadt und wollen das einfache Landleben genießen. Doch das ist nicht einfach. Juli Zeh erzählt von den Problemen, die beim Aufeinandertreffen zweier Welten entstehen, aus immer anderen Blickwinkeln: dem des „Königs“ des Dorfes, dem seines erbittertsten Feindes, dem des Vogelschützers, der Pferdezüchterin, ihrer Partner. Als ein Investor Grundstücke für eine Windkraftanlage sucht, nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Neid, Missgunst, Rache, Hass – gnadenlos lässt Juli Zeh nichts aus, was in einem Dorf in dieser Konstellation passieren kann. So entwickelt sich ein Gesellschaftsthriller der Sonderklasse.

Andrea Schubert

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Suburra

Carlo Bonini & Giancarlo De Cataldo

Schwarz, schwärzer, Rom
Rom im letzten Jahr der Berlusconi-Herrschaft. Der Bürgermeister plant ein gigantisches Bauprojekt, die Waterfront von Ostia. Eine Vergnügungswelt im Stil von Dubai samt Kasinos, künstlichem Schnee und Skilift. Nicht nur ein Netzwerk aus Bauunternehmern, korrupten Politikern und Würdenträgern des Vatikans, sondern auch die Unterwelt Roms möchte gewinnbringend daran teilhaben. An deren Spitze steht Carminati, genannt „Samurai“, ein Neofaschist mit Vorliebe für alles Japanische. Ein brutaler Bandenkrieg beginnt auf den Straßen zwischen Ostia und Cinecitta. Kommissar Malatesta, unerschrocken und integer, soll die Morde aufklären. Bei seinen Ermittlungen stößt er schnell auf das mafiöse Geflecht rund um das Bauprojekt. Dieser harte und rasante Politthriller wurde leider 2014 von der Wirklichkeit eingeholt und enthüllt eine bittere Wahrheit um Italiens Realität.

Anja Saly

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Rabenfrauen

Anja Jonuleit

Ein Stück Zeitgeschichte - spannend verpackt
Anne kehrt nach dem Tod ihres Lebensgefährten Maximilian ins Heimatdorf ihrer Mutter zurück. Dort lernt sie ehemalige Mitglieder der Colonia Dignidad kennen. Als ihre Mutter Ruth davon erfährt, reagiert sie abweisend. Ruth erinnert sich an den Sommer 1959, als sie ihre beste Freundin Christa an die Freikirchler verlor.
Anja Jonuleit, die die Hintergründe der totalitären Sekte gut recherchiert hat, zeigt am Beispiel  zweier junger Frauen, wie schmal der Grat zwischen Entkommen und Gefangensein verläuft. Zudem gelingt es ihr, über diese verbrecherische Organisation zu informieren und gleichzeitig eine packende Familien- und Freundschaftsgeschichte zu erzählen.

Jeannine Beihofer

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Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens

J. Ryan Stradal

Mehr als nur ein kulinarischer Leckerbissen
Das Buch beginnt mit Stockfisch und endet mit einem der legendären Pop-up-Dinner von Eva, für das man vierstellige Beträge zahlt und mehrere Jahre warten muss. Dazwischen liegt eine bezaubernde Geschichte über das Leben von Eva, deren Mutter die Familie verlässt, deren Vater früh stirbt, die bei Onkel und Tante aufwächst und in Cousin und Cousine ihre besten Freunde findet. Die Kapitel ihres Lebens heißen superscharfes Chili oder Wild, Zander oder Paprikamarmelade. Erzählt werden sie als Geschichten von völlig unterschiedlichen Menschen, die mit Eva irgendwie verbunden sind oder waren. Der Reigen schließt sich bei einem dieser legendären Dinner, die einzige Chance für Evas Mutter, einen schrecklichen Fehler wiedergutzumachen. Nebenbei: die Rezepte machen Lust aufs Nachkochen.

Andrea Schubert

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Die Nachtigall

Kristin Hannah

"In der Liebe finden wir heraus, wer wir sein wollen. Im Krieg finden wir heraus, wer wir sind."
Das besetzte (und zuerst geteilte)  Frankreich im zweiten Weltkrieg. Hier leben die Schwestern Vianne und Isabelle. Da sie ohne Mutter aufgewachsen sind, versuchen sie nun ihr Leben auf der Erfahrung des Verlustes aufzubauen. Vianne gründet selbst eine Familie, Isabelle probt den Aufstand und rebelliert immer wieder. Der Krieg verändert alles: Vianne möchte ihre Familie beschützen, Isabelle durch ihren Anschluss an den Widerstand etwas bewegen. Dieser Roman ist keine Weltliteratur, doch die Geschichte hat mich für sich eingenommen und ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Mir wurde wieder einmal bewusst, dass Krieg so viele Einzelschicksale bedeutet und ich unmöglich sagen könnte, welche Entscheidungen ich selbst treffen würde.

Birgit Rupp

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Und damit fing es an

Rose Tremain

„Manchmal geschehen Dinge erst spät im Leben."
Schweiz in den 1940er Jahren, das Städtchen Matzlingen. Hier lebt Gustav Perle mit seiner Mutter Emilie in ärmlichen Verhältnissen. Sein Vater Erich Perle starb kurz nach seiner Geburt. Emilie hat ihrem einzigen Sohn Gustav nicht viel zu geben und so wächst er eher freudlos in kühler Atmosphäre heran. Doch dann tritt Anton in sein Leben und Gustav erhält Einblick in eine ihm bisher völlig verschlossene Welt. Gustavs Familie ist wohlhabend, seine Eltern umsorgen ihn liebevoll und fördern sein musikalisches Talent. Auch Anton wird bis zu einem gewissen Grad aufgenommen und verbringt viel Zeit mit Anton. Seine Mutter Emilie kann ihre Abneigung gegen die jüdische Familie schlecht verbergen.
Nach und nach entfaltet sich beim Lesen die Vergangenheit von Emilie und Erich, parallel dazu werden Gustav und Anton erwachsen und eines Tages verlässt Anton Matzlingen. Für Gustav bricht eine Welt zusammen, doch er führt sein Leben fort und bleibt sich selbst treu. Er führt sein Hotel Perle, hält nur wenige Kontakte und ist immer für Gustav da, falls dieser ihn braucht. So vergehen die Jahre und erst spät im Leben der beiden Freunde wird klar, wie nahe das Glück schon immer lag. Ein feines, leises Buch und für mich ein großer Lesegenuss.

Birgit Rupp

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Was ich sonst noch verpasst habe - Stories

Lucia Berlin

Wiederentdeckte Kurzgeschichten
Erst im letzten Jahr wurden die Erzählungen der 2004 verstorbenen Amerikanerin Lucia Berlin wiederentdeckt und von ihrer deutschen Übersetzerin so klug angeordnet, dass sie sich wie ein autobiographischer Roman lesen und ich sie ausdrücklich auch Lesern empfehle, die Kurzgeschichten eher nicht mögen. Die Autorin schreibt über tragische Schicksale, gebeutelte Mädchen und Frauen. Dies gelingt ihr sprachlich brillant mit einem untrüglichen Sinn für Details, schonungsloser Offenheit, gleichzeitig leisem Humor und großer Zärtlichkeit für ihre Figuren. Wer den Blick in den Abgrund nicht scheut, wird mit einem wunderbaren Leseerlebnis belohnt: Er trifft auf sogenannte „gescheiterte Existenzen“, dargestellt ohne Bitterkeit, ohne Kitsch, sondern mit einem trotzigen inneren Leuchten.

Jutta Schleinkofer

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Lügen Sie, ich werde ihnen glauben

Anne-Laure Bondoux & Jean-Claude Mourlevat

Lassen Sie sich sinnlich verführen!
Pierre-Marie Sotto, ein bekannter Schriftsteller, ist zunächst völlig ahnungslos. Er fühlt sich angezogen vom Wesen einer Frau, die er nur aus E-Mails kennt. Aus einem Missverständnis heraus entsteht dieser Kontakt und nimmt mit der Zeit immer mehr Raum in beider Leben ein. Die geheimnisvolle Dame ergeht sich in Andeutungen, scheint ihn zu kennen, und verwirrt und bezaubert Sotto immer mehr. Mit der typisch leichten französischen Hand skizzieren die Autoren einen wunderbaren Dialog aus Mails, der vor Wortwitz nur so überquillt und die Liebe zur Sprache auf jeder Seite zeigt. Das Geschehen nimmt immer wieder unerwartete Wendungen. Neben Frivolem und Leichtem wird auch Ernstes wie Verlust und Tod thematisiert. Gebannt fragt der Leser, ähnlich wie der männliche Protagonist, nach Wahrheit und Lüge. Voll Spannung erwartet man die Auflösung eines Geheimnisses, das uns in kleinen „Wort-Puzzel-Häppchen“ serviert wird.

Elke Weirauch-Glauben

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Geronimo

Leon De Winter

Die Achse des Bösen und der Satan USA
Dieses Buch ist echt der Hammer! Es geht um Osama bin Laden (im Buch nur UBL genannt), Amerika und die CIA, Israel, die undurchsichtige arabische Welt, die tragische Geschichte eines Paares, Männerfreundschaften und nicht zuletzt um die Wirkung von Musik. Also um Vieles, das nicht so einfach in wenigen Sätzen nacherzählt werden kann. Nur so viel: Fast 10 Jahre  nach 9/11 erhält eine Spezialeinheit der CIA den Auftrag, UBL zu finden und zu töten (Codewort:Geronimo). Diese beschließt jedoch, UBL wegen seines Wissens über die Al Kaida nicht zu töten, sondern gefangen zu nehmen. Diese Geschichte bildet den Rahmen um einen genial erzählten Roman über den Irrsinn von Terror und Gegenterror. Endlich mal  wieder ein richtig guter Leon de Winter.

Margret Thorwart

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Bella Germania

Daniel Speck

Ein deutsch-italienisches Familienepos
Anfang der 50er Jahre: Der junge Vincent fährt im Namen von BMW nach Mailand. Sein Auftrag: Verhandlungen über ein Patent für einen spektakulären neuen Kleinwagen, der späteren Isetta. Er lernt die Sizilianerin Giulietta kennen und lieben. Unglücklicherweise ist diese bereits einem anderen versprochen.
Mailänder Fashion Week 2014: Nach ihrem ersten internationalen Erfolg wird die Mode-Designerin Julia von einem älteren Herrn angesprochen. Dieser behauptet ihr Großvater zu sein und dass ihr Vater nicht, wie ihr erzählt wurde, tot ist, sondern lebt. Widerwillig, aber entschlossen begibt sich  Julia auf  die Suche nach ihrer Herkunft.
Das könnte eine banale Geschichte sein, ist es aber nicht. Es ist vielmehr eine gelungene Mischung aus Liebesgeschichte und Zeitgeschichte und dabei spannend wie ein Krimi.

Margret Thorwart

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Cox oder Der Lauf der Zeit

Christoph Ransmayr

Wie misst man Zeit?
Der englische Uhrmacher und Erbauer mechanischer Wunderwerke Alister Cox reist im 18. Jahrhundert auf Einladung des Kaisers Qiánlóng nach China. Der ebenso mächtige und despotische wie sensible und feinsinnige Herrscher beauftragt ihn mit der Konstruktion dreier besonderer Chronometer. Der erste soll das kindliche Zeitempfinden anzeigen; über die beiden anderen möchte ich hier nichts verraten. Cox, der auf dieser Reise auch versucht, den plötzlichen Tod seiner geliebten Tochter und die Entfremdung von seiner Frau zu verarbeiten, erlebt die Zeit in China wie einen Rausch oder einen Traum. Christoph Ransmayr erzählt zugleich kraftvoll und feinfühlig von den Versuchen, Zeitempfinden zu messen und darzustellen. Ein Meisterwerk. Der historische Cox hieß übrigens James und hat tatsächlich auch bis nach China geliefert, war aber selbst nie dort.

Sven Puchelt

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Das Nest

Cynthia D'Aprix Sweeney

Geschwisterbande?
Wunderbar trocken, bitterböse und witzig erzählt die amerikanische Autorin in ihrem Debüt von vier Geschwistern mit völlig unterschiedlichen Lebensentwürfen. Alle stecken sie aber derzeit in finanziellen Schwierigkeiten und alle hoffen sie auf das Ende derselben durch das Erbe nach dem Tod der Mutter. Diese hat allerdings kurz vor ihrem Tod einem der vier aus einer Notlage geholfen und nun ist kein Erbe mehr zu verteilen...
Sehr fein lotet D'Aprix Sweeney die Beziehungen zwischen den Geschwistern aus, beschreibt pointiert, ohne zu übertreiben, und bereitet ganz großes Lesevergnügen.

Sven Puchelt

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Die Vegetarierin

Han Kang

Eine Frau rebelliert
Die Koreanerin Han Kang hat mit "Die Vegetarierin" den Man Booker International Prize gewonnen. Der Roman erzählt von einer Frau, die eine neue Vorstellung vom Körper sucht. Yeong-Hye beschließt nach fünf Jahren reibungsloser Ehe, kein Fleisch mehr zu essen. Sie löst damit eine Familientragödie aus. Am liebsten möchte sie zu einer Pflanze werden.  Dies ist symbolisch zu verstehen, und zwar als Ausbruch aus dem äußeren Gefängnis der Konventionen. Durch ihre Weigerung, Fleisch zu essen, wird sie zu etwas Besonderem. Sie möchte nicht mehr in der Menge untergehen, sondern ausbrechen. Am Ende will sie nicht einmal mehr Mensch sein. Dieses plötzliche Aufbegehren löst bei Ehemann und Verwandten solche Erschütterungen aus, dass nach 190 Seiten das Leben aller Beteiligten in Trümmern liegt. Mich hat das Buch sehr fasziniert, weil es viele Probleme unsere Zeit anspricht.

Barbara Casper

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Die endlose Stadt

Ulla Lenze


Ein Roman voller Spiegelungen und Verflechtungen
Zwei Frauen  begeben sich auf Spurensuche in der abenteuerlichen Fremdheit zweier Städte, Istanbul und Mumbai. Holle ist Künstlerin, sie fotografiert Städte, deren verborgene Energie sie auf leeren Plätzen einfängt. Ein Stipendium führt sie nach Istanbul, einer schmerzhaft schönen Stadt, wo sie eine Affäre mit dem Türken Celal beginnt. Doch existenziell wird für Holle die Begegnung mit Christoph Wanka. Der reiche Geschäftsmann repräsentiert alles, was Holle ablehnt, und doch kann sie sich nicht von ihm lösen. Als Holle schließlich einwilligt, dass Wanka ihr eine Reise nach Mumbai finanziert, beginnt ein Kräftemessen, das sie zwingt, ihren eigenen Lebensentwurf zu hinterfragen. In Holles verlassene Wohnung zieht Teresa, eine deutsche Journalistin. Auch sie trifft auf Wanka.
Christoph Wanka, der die Künstlerin bewundert und ihr hilft, sie aber ebenso wenig versteht wie sie ihn, und den die Journalistin unter Vorspiegelung einer falschen Identität treffen wird. Vertrackte Verhältnisse und Begegnungen, an deren Ende niemand glücklich ist, aber wohl alle zurück nach Deutschland fliegen.

Barbara Casper

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Alles Licht, das wir nicht sehen

Anthony Doerr

Zwei  junge Menschen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs
Das blinde Mädchen Marie-Laure muss mit ihrem Vater das besetzte Paris verlassen. Beide fliehen zu einem Onkel in die Bretagne, in die Stadt Saint-Malo.
Der Waisenjunge Werner Hausner aus dem Ruhrgebiet ist technisch so begabt, dass er gefördert und auf eine nationalsozialistische Eliteschule geschickt wird. Von dort aus landet Werner schließlich in einer Wehrmachtseinheit, die mit Peilgeräten Sender aufspürt, über die sich der Widerstand organisiert. Werner gelangt an die Kriegsfront, zuerst im Osten, später in Frankreich…
Anthony Doerr erzählt ein erschütterndes Stück Zeitgeschichte aus der Sicht zweier junger Menschen, die in diesen Krieg hineingeschlittert sind und deren Lebenswege sich schließlich kreuzen. Mich hat dieser Roman sehr berührt und ich wünsche ihm viele Leser.

Ulla Leber

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Ohrfeige

Abbas Khider

Die Odyssee eines AsylantenDrei Jahre dauert die Flucht von Karim aus dem Irak. Sein Ziel ist Paris, wo ein Onkel ihn erwartet. Als er aus dem Transporter geladen wird, glaubt er in einem Vorort von Paris zu sein. In Wirklichkeit aber wurde er nach Bayern „verschleppt“. Nachdem er  jahrelang bemüht war sich einzupassen, wird seine Anerkennung als Asylberechtigter nach dem Ende des Regimes in Bagdad widerrufen und er muss weiterziehen  …Eine Geschichte, die sicher gerade sehr „en vogue“ ist. Doch für Khider ist das Thema Flucht, Widerstand und Exil nicht neu. Politisch verfolgt und inhaftiert, gelang ihm 2000 die Flucht aus dem Irak. Seine Erfahrungen von Flucht und Migration sind in alle seine bisher erschienenen Bücher eingeflossen und alle sind eine hervorragende Lektüre zum Verständnis  des Alltags von Menschen, die gezwungen werden, Heimat, Familie und Kultur aufzugeben.

Margret Thorwart

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Am Ende bleiben die Zedern

Pierre Jarawan

Fast eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht Der Roman ist das Erstlingswerk des Autors und erzählt die Geschichte von Samir, dessen Eltern aus dem Libanon nach Deutschland geflüchtet sind. Samir wächst hier in einem sehr liebevollen Elternhaus auf. Besonders zu seinem Vater, der ihm immer geheimnisvolle Geschichten aus seiner Heimat erzählt, hat er ein sehr inniges Verhältnis. Als Samir neun Jahre alt ist, verschwindet sein Vater spurlos. Dieser Verlust und die völlige Unklarheit über den Verbleib des Vaters prägen seine Kindheit und sein Erwachsenwerden. Als junger Mann reist er in den Libanon, auf der Suche nach seinen Wurzeln. Eine Geschichte zum Abtauchen, geschrieben im Stil eines arabischen Geschichtenerzählers. Sehr schön auch die Beschreibung des Libanons. Eigentlich will man gleich seine Koffer packen und dorthin reisen.

Margret Thorwart

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Löwen wecken

Ayelet Gundar-Goshen

Welchen Wert hat ein illegales Leben?Die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen hat einen äußerst vielschichtigen und packenden Roman geschrieben, der mich aufgrund seiner großen erzählerischen Kraft und seiner psychologischen Tiefe von der ersten Seite an nicht mehr losgelassen hat. Der glückliche Familienvater und Neurochirurg Etan begeht eines Nachts auf einer einsamen Wüstenpiste Fahrerflucht, nachdem er einen Mann totgefahren hat. Eine folgenschwere Entscheidung, denn am nächsten Morgen steht die Ehefrau des illegalen Einwanderers vor Etans Haustür und „bittet“ ihn um einen Gefallen. Etans nichtsahnende Ehefrau, eine Polizistin, ermittelt in besagtem Todesfall. Eine spannungsgeladene Handlung nimmt ihren Lauf, wobei gerade der intensive Einblick in die Gefühlswelt der Beteiligten und die schlicht nicht zu beantwortende Frage nach Gut und Böse eine ungeheure Sogkraft entwickeln.

Jutta Schleinkofer

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Das barmherzige Fallbeil

Fred Vargas

Adamsberg ermitteltDie französische Krimiautorin Fred Vargas ist Meisterin ihres Fachs und zieht auch mit diesem Buch die Leser in ihren Bann. Die typischen Vargas-Merkmale tragen wie immer zum Gelingen bei: ein höchst gegensätzliches Ermittlergespann - der eine rein intuitiv handelnd, der andere ein wandelndes Lexikon -, eine Reihe von undurchsichtigen Todesfällen, an den Tatorten ein mysteriöses Zeichen. Die Schauplätze der Handlung sind eine nebelverhangene isländische Insel und eine Pariser Geheimgesellschaft, die den Nationalkonvent der französischen Revolution nachspielt. Die große Kunst der Autorin besteht darin, aus diesen „schrägen“ Zutaten einen intelligenten, fesselnden und literarisch hochwertigen Krimi zu zaubern. 

Sven Puchelt

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Still – Chronik eines Mörders

Thomas Raab

Mehr als nur die Chronik eines MördersMit diesem Roman wendet sich Raab von seinem Krimihelden Metzger ab und einem bedauerlichen und zugleich grausamen Wesen zu: Karl Heidemann. Dieser wird mit einem äußerst sensiblen Gehör geboren, das ihn sogar den Flügelschlag von Schmetterlingen wahrnehmen lässt. Seine Mutter möchte ihn lieben, doch ihr „Babytalk“ treibt Karl fast ihn den Wahnsinn. Ruhig wird seine Seele nur in tödlicher Stille. Raab erzählt die Chronik dieses Mörders wertfrei, aber durchaus mit Empathie. So abstoßend Karl ist, so sehr fesselt sein Schicksal. Als er die Liebe entdeckt, ändert sich auch seine Einstellung zum Tod. „Still“ ist weit mehr als ein Thriller und fesselt von der ersten bis zur letzten Seite.

Andrea Schubert

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Roman ohne U

Judith W. Taschler

"Das U ist wichtig - es gehört in Wut, Russland und auch in Mut"Das "U" auf der alten Schreibmaschine wird langsam unleserlich. Wenn Thomas seine Erinnerungen an zwei Jahrzehnte in Sibirien im Arbeitslager niederschreiben will, muss er sehr fest aufdrücken. Aber das "U" ist wichtig: es gehört in Wut, Russland, Uranabbau, in Mut, und auch Ludovica kann man ohne "U" nicht schreiben. Der Roman umfasst eine große Zeitspanne: 1945 bis 2011. Vom jungen Thomas Bergmüller, der zwei Jahrzehnte Gulag überlebt und seine große Liebe Ludovica trifft, bis hin zu Julius Bergmüller, der seiner Frau Katharina nicht treu sein kann. Judith Taschler packt viel hinein in diesen Roman, mich hat er sehr berührt und mir spannende Lesestunden beschert.

Birgit Rupp

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Gehen, ging, gegangen

Jenny Erpenbeck

Wichtiger Beitrag zur FlüchtlingsdebatteIm Jahr 2013/2014 lebte eine Gruppe von Flüchtlingen auf dem Oranienplatz in Berlin. Sie waren dorthin gekommen in der Hoffnung, in Deutschland, in Berlin eine Zukunft zu finden. Sie wollen hier leben und arbeiten. Diese Tatsache und die vielen neu hinzugekommenen Flüchtlinge in der Bundesrepublik haben Jenny Erpenbeck zu diesem Buch inspiriert. Der emeritierte Professor Richard ist auf der Suche. Er will seinem Leben einen neuen Sinn geben. Zufällig kommt er am Oranienplatz vorbei und sieht die Flüchtlinge. Langsam erwacht sein Interesse. Er sucht den Kontakt zu den Männern und erfährt deren Lebensgeschichte von Flucht, Angst und Verlust. Er möchte erforschen, was die Flüchtlinge denken, zugleich aber auch, was ihn selbst beschäftigt, was Zeit bedeutet, die er nun im Überfluss hat. So erfährt er die vielen individuellen Schicksale dieser Menschen. Spannend ist es, wenn Richards Begegnungen und Unterhaltungen mit den Flüchtlingen dargestellt werden, das Aufeinanderprallen der Kulturen, das Crossover von Freundlichkeit und Befremden.Jenny Erpenbeck erzählt auf ihre unnachahmliche Weise eine Geschichte vom Wegsehen und Hinsehen, von Tod und Krieg, vom ewigen Warten und von all dem, was unter der Oberfläche verborgen liegt.

Sven Puchelt

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Die Bienen

Laline Paull

Eintauchen in eine unbekannte und doch vertraute WeltFlora 717 ist ungewöhnlich groß, dunkel und struppig – eine hässliche Biene. Sie ist eigentlich nur Putzfrau wie alle anderen Floras im Bienenstock, die ganz unten in der Hierarchie stehen. Doch Flora 717 fühlt, dass sie mehr kann, und hinterfragt die Regeln ihres Volkes. Intelligent und mutig ergibt sie sich nicht einfach in ihr Schicksal. Mit einer unglaublichen Fantasie und in rasantem Tempo erzählt Laline Paull die Geschichte dieser Biene bis zum fulminanten Finale. Es ist ein tiefer Blick in eine völlig andere Welt, die man dennoch irgendwoher kennt. Dieses reine Lesevergnügen macht süchtig. Und wenn Sie nach der Lektüre eine Biene sehen, werden Sie sich erinnern: Auch Bienen sind nur Menschen!

Andrea Schubert

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Die Frauen von La Principal

Lluis Llach

"Ein Roman über Kraft und Wärme der eigenen Heimat"Katalonien in den Jahren 1893, 1940 und 2001. Die Geschichte der Familie Roderich, des Weingutes La Principal und der drei eigenwilligen Frauen mit dem Namen Maria. Die Reblausepidemie 1893 - der Niedergang, dann Wiederaufbau und ungeahnte Erfolge durch die junge Maria. Ein ungeklärter Mord - die Wiederaufnahme der Ermittlungen durch einen ehrgeizigen Inspektor in der Franco-Ära 1940. Und die Weitergabe der Familiengeschichte durch den greisen Vater an seine Tochter im Jahr 2001. Gute Unterhaltung für einen verregneten, stürmischen Sonntag im Lesesessel.

Birgit Rupp

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Die vierzig Tage des Musa Dagh

Franz Werfel

Klassiker neu entdeckt1930 hatte Werfel eine Reise in den Nahen Osten unternommen und war durch die Begegnung mit armenischen Flüchtlingskindern tief getroffen. Er wollte mit diesem Roman verhindern, dass das Schicksal der Armenier in Vergessenheit geriet. Was er beschreibt, ist tatsächlich so passiert: Im Sommer 1915 rettete sich eine armenische Dorfgemeinschaft auf den Berg Musa Dagh vor der Verfolgung und Verschleppung durch die Türken. Diese belagerten die natürliche Festung wochenlang erfolglos, bis die Widerständler eher zufällig von den Franzosen gerettet werden konnten. Das Buch zu lesen, ist ein Projekt, denn es hat knapp tausend Seiten, auf denen Werfel ein bildreiches Panorama entwirft, das an großes Kino erinnert.

Elisabeth Nagel

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6 Uhr 41

Jean-Philippe Blondel

Kopfkino im ZugIm Frühzug nach Paris sitzen Cécile und Philippe zufällig nebeneinander. Sie kennen sich eigentlich von früher und waren vor Jahrzehnten ein Liebespaar. Doch keiner von beiden möchte das zugeben und so schweigen sie sich während der knapp zweistündigen Zugfahrt konsequent an. Im Stillen lassen beide die Vergangenheit Revue passieren, und dieses Kopfkino mitzuerleben, ist für den Leser sehr spannend und amüsant. Natürlich steht die ganze Zeit die Frage im Raum, ob die beiden wirklich ohne ein offenes Wort auseinandergehen werden. Es sei nur so viel verraten: Das Ende ist schön unromantisch.

Elisabeth Nagel

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Der Pfau

Isabel Bogdan

Very british„Einer der Pfauen war verrückt geworden.“ Damit beginnt der Roman der Hamburger Autorin, die bisher in erster Linie als Übersetzerin, unter anderem der Bücher von Jane Gardam („Ein untadeliger Mann“), auf sich aufmerksam gemacht hat. Lord und Lady McIntosh vermieten auf ihrem Anwesen am Fuß der schottischen Highlands Zimmer und Cottages. Vornehmlich an Touristen, aber nun hat sich eine Londoner Bankerin mit vier Mitarbeitern samt Psychologin und Köchin zu einem Teambuilding-Wochenende angekündigt. Besagter Pfau, ein Schneesturm, Stromausfall und die handfeste Köchin sorgen dafür, dass das Wochenende ganz anders verläuft, als von allen erwartet. Isabel Bogdan erzählt leicht, mit trockenem Humor und viel Liebe für ihre Figuren.

Sven Puchelt

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Das Haus des Windes

Louise Erdrich

Begegnung mit einer fremden WeltSommer 1988: Der 13-jährige Joe Coutts lebt in einem Indianerreservat in North Dakota. Seine Welt gerät aus den Fugen, als seine Mutter überfallen und vergewaltigt wird. Joes Mutter zieht sich zurück und verweigert jegliche Aussage. Da der Angriff auf einem Grundstück geschehen ist, das an drei Territorien grenzt, fühlt sich keine Ermittlungsbehörde zuständig. Daher beschließen Joe und seine Freunde Cappy, Angus und Zack, den Täter im Alleingang zu finden…Louise Erdrichs Roman gibt Einblick in die Kultur der Indianer und das Leben im Reservat. Der Roman spielt zwar 1988, in ihrem Nachwort schreibt Erdrich allerdings, dass sich die Missstände im Rechtssystem bis heute nicht gebessert haben. 

Ulla Leber

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Letzter Bus nach Coffeeville

J.P. Henderson

Endstation CoffeevilleGene, ein pensionierter Arzt, möchte einer alten Freundin einen letzten Wunsch erfüllen. Sie reisen in einem alten Tourbus der Beatles nach Coffeeville im Süden der USA. Dass dies keine normale Urlaubsreise ist, wird schnell klar, denn Alzheimer und Tod reisen mit. Überhaupt sind die Protagonisten des Romans vom Schicksal schwer gebeutelt. Gene muss all seine Kraft mobilisieren, um Nancy zu begleiten. Doch je länger die Reise geht und umso mehr Fahrgäste zusteigen, desto deutlicher spürt der Leser, wie nicht nur Genes Lebensenergie wächst. Henderson hat jede Figur, auch wenn sie eine noch so kleine Rolle in der Handlung einnimmt, mit unglaublicher Präsenz und Lebendigkeit ausgestattet und man sieht sie beim Lesen förmlich vor sich. Der Autor hat im Roman die Erkrankung seiner Mutter und deren Tod auf ganz eigenwillige Art verarbeitet und so wechseln sich ständig tieftraurige, aber auch irre komische Momente ab. Die Gemeinschaft wächst zusammen und über sich hinaus, als man beschließt, einem kleinen Jungen bei der Suche nach seiner Cousine und damit einem neuen Zuhause zu helfen. Es ist anrührend, wie sich die Gruppe trotz schlechter Vorzeichen mit viel Zuversicht dem Schicksal entgegenstellt.Die besonderen Momente sind umso kostbarer, weil die gemeinsame Zeit ja begrenzt ist.Obwohl es sich für manche im Bus nach Coffeeville tatsächlich um die letzte Reise ihres Lebens handelt, legt man den Roman am Ende der Lektüre mit einem Lächeln aus der Hand.

Elke Weirauch-Glauben

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Vom Ende der Einsamkeit

Benedict Wells

Über das Überwinden von Verlust und EinsamkeitEndlich ist er da – der nach „Fast genial“ lang erwartete neue Roman von Benedict Wells. Jules und seine beiden Geschwister wachsen behütet auf, bis ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen. Obwohl sie auf dasselbe Internat geschickt werden, verlieren sie sich aus den Augen. Jules zieht sich von allen zurück und ist allein. „Ich war der seltsame neue Junge, der nicht darauf achtete, was er morgens anzog, und der aus Nervosität anfing, einzelne Wörter zu verdrehen: zum Beispiel lostenkos statt kostenlos. Um nicht zum Gespött der Klasse zu werden, sagte ich deshalb kaum noch etwas, und so saß ich isoliert in der letzten Bank. Bis sich nach Wochen ein Mädchen neben mich setzte.“ Das war Alva und der Beginn einer wunderbaren Freundschafts- und Liebesgeschichte.  

Jeannine Beihofer

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Kind aller Länder

Irmgard Keun

Eine lesenswerte Wiederentdeckung!Aus Sicht der 10-jährigen Tochter Kully erzählt Irmgard Keun das Schicksal und die Stationen einer Familie im Exil. Mit ihren von Geld- und Visasorgen geplagten Eltern verschlägt es das Kind in den 1930er Jahren in die verschiedensten Gegenden und Metropolen Europas sowie nach Amerika. Der staunend naive Blick auf die Geschehnisse und das Verhalten der Erwachsenen macht den besonderen Reiz dieses Romans, der erstmals 1938 in Amsterdam erschienen ist, aus. Die Autorin verarbeitet darin auch ihre leidenschaftliche Liebesbeziehung zu dem Schriftsteller Joseph Roth.

Jutta Schleinkofer

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Der letzte Pilger

Gard Sveen

Fesselndes Krimidebüt aus NorwegenEin Todesfall erschüttert Oslo. Der hochgeachtete Widerstandskämpfer Carl Oscar Krogh wurde brutal ermordet. Ein Mann, der immer auf der richtigen Seite stand und auch später als Politiker sehr beliebt war. Kurz zuvor fand man in der Nordmarka ein Grab mit drei Leichen, darunter ein kleines Mädchen. Gibt es da einen Zusammenhang? Kommissar Tommy Bergmann, scharfsinnig, aber oft mit seinen eigenen Abgründen beschäftigt, soll diesen spektakulären Fall aufklären. Seine Recherchen führen ihn zurück in die deutsche Besatzungszeit und zu Agnes Gerner, einer Agentin des norwegischen Widerstands. Bergmann erfährt dabei, wie nah Hass und Liebe beieinander liegen. Sveens Debüt einer neuen Krimiserie liest sich hochspannend und ist voller interessanter historischer Bezüge. 

Anja Saly

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Männer mit Erfahrung

Castle Freeman

Helden aus Vermont
Lilian wohnt in einem kleinen Nest in Vermont. Sie fühlt sich bedroht von einem zwielichtigen Typen namens Blackway. Als eines Tages ihre Katze tot vor der Tür liegt, wendet sie sich an den Sheriff. Leider kann der ohne Beweise nichts für sie tun. Er schickt Lilian zu einem Club kauziger Männer, die sich regelmäßig in einem alten Sägewerk treffen. Die sind beeindruckt, dass sich die junge Frau dem gefährlichen Gangster entgegenstellen will. Als Schutz bekommt Lilian den alten Lester und den hünenhaften, aber etwas einfältigen Nate zur Seite gestellt. Gemeinsam versuchen sie, Blackway in den Wäldern von Vermont aufzuspüren, um ihn aus dem Weg zu räumen. Eine herrlich schräge, aber auch spannende Geschichte um drei ungleiche Helden.

Anja Saly

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Das achte Leben

Nino Haratischwili

Ein Jahrhundert georgisch-russische Geschichte
Georgien 1900. Mit der Geburt Stasias, Tochter eines angesehenen Schokoladenfabrikanten, fängt diese spannungsreiche Familiensaga an. Sie beginnt in Georgien und endet im Leben der Urenkelin Niza, 2006 in Deutschland. Niza erfährt, dass ihre zwölfjährige Nichte Brilka nach einer Reise in den Westen nicht mehr nach Georgien zurückkehren möchte. Sie spürt sie auf. Ihr wird sie die Geschichte der Familie Jaschi erzählen, von
acht Leben und einem roten Jahrhundert. Das Buch ist zwar schon 2014 erschienen, hat mich hat mich aber so fasziniert, dass es hier meiner Meinung nach nicht fehlen darf.
Nino Haratischwili erzählt mal märchenhaft, mal brutal realistisch. Er taucht tief in die Geschichte Georgiens und Russlands ein und fesselt dabei den Leser trotz fast 1.300 Seiten vom Anfang bis zum Ende.

Barbara Casper

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Der leuchtend blaue Faden

Anne Tyler

Eine Hymne auf das menschliche Miteinander
Zunächst ist der Familienroman über  die Whitshanks das Portrait einer völlig normalen Familie der amerikanischen Mittelschicht über mehrere Generationen. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Abby und Red mit ihren vier erwachsenen Kindern. Anne Tyler zerlegt behutsam, aber schonungslos eine scheinbare Familienidylle.  Man lernt die Stärken und Schwächen, Sehnsüchte und Geheimnisse der Protagonisten kennen und meist auch lieben. Der Autorin gelingt es in ihrer unnachahmlichen Art Charaktere zu zeichnen, die so unspektakulär wie einzigartig sind. Dies zeigt sich zum Beispiel in ihrer Schilderung der wunderbaren „Nicht-Liebe“ von Reds Eltern. Was dem Leser nach der Lektüre bleibt, ist ein eher ahnungsvolles, aber sehr warmes Gefühl. Man nimmt den blauen Faden, der dieser Geschichte den Titel gibt, als Sinnbild dafür, dass die Whitshans vielleicht doch ihr ganz eigenes Rezept für das Glück gefunden haben.
Anne Tylers Romane sind Hymnen auf das menschliche Miteinander, im besonderen auf die Familie, leise aber eindringlich komponiert.

Elke Weirauch-Glauben

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Über den Winter

Rolf Lappert

Eine stille Veränderung
Lennard Salm ist ein halbwegs erfolgreicher Künstler in der Mitte seines Lebens. Die Arbeit an seinem neuesten Projekt, einer Installation mit dem Strandgut aus gekenterten Flüchtlingsbooten, ist gerade ins Stocken geraten, als ihn die Nachricht vom Tod seiner älteren Schwester erreicht. Widerwillig reist er ins kalte Hamburg  zu seiner Familie, derer er sich seit Jahren zu entziehen versucht. Bedächtig und melancholisch erzählt Rolf Lappert, dessen Buch auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2015 stand, von der allmählichen Wandlung seines Protagonisten, von alten Verletzungen, von Geschwisterbindungen und den kleinen Geschichten des Alltags.

Sven Puchelt

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Die Schuld der anderen

Gila Lustiger

Ein Journalist, ein Mord und die Kriminalität der besten Kreise Frankreichs
Marc Rappaport ist ein Journalist mit höchsten ethischen Ansprüchen. Er ist besessen von der Wahrheit und lässt sich auf dem Weg dahin von nichts abbringen.
Als er eine Meldung liest, dass der Mord an einer Prostituierten vor 27 Jahren aufgeklärt und der Mörder verhaftet ist, lässt ihm das keine Ruhe. Die Frage nach dem Warum führt Marc tief in seine Familiengeschichte, in politische und wirtschaftliche Korruption, in die düsteren Seiten der französischen Gesellschaft der Gegenwart. Er lernt sich kennen und muss feststellen, dass nicht nur „die anderen“ schuldig sind. Ein kompakter Roman, der von der ersten bis zur letzten Seite fesselt.

Andrea Schubert

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Sungs Laden

Karin Kalisa

Berlin wird vietnamisiert
Bei einer kurzfristig anberaumten „Woche der Weltkulturen“ an einer Grundschule im Prenzlauer Berg kurz vor Weihnachten, erzählt Minhs Großmutter mit einer alten vietnamesischen Holzpuppe eine Geschichte. Diese kleine Begebenheit setzt eine Kette von kleinen und größeren Veränderungen im Kiez in Gang. Menschen, die bisher nebeneinander her gelebt haben, fangen an, sich füreinander zu interessieren. Parkraumwächter tragen Kegelhüte (durch blaue Farbe und Reflektoren den Uniformen angepasst), Industriekletterer bauen Affenbrücken aus Bambus und der gerahmte Fotodruck einer vietnamesisch-berlinerischen Kaffeepause wird der Bestseller in einem skandinavischen Möbelhaus. Eine liebenswert-märchenhafte Utopie mit nachdenklichen Zwischentönen hat Karin Kalisa hier entworfen. Der Leser schmunzelt, lacht und verändert vielleicht auch seinen Blick auf die Menschen, die ihn umgeben.

Sven Puchelt

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Greenwash, Inc.

Karl Wolfgang Flender

Slowfood, Biokonsum und eine Agentur, die alle Ökosünden grün wäscht
Thomas Hessel ist ein Star, wenn es um erfolgreiche PR-Aktionen geht, um Umweltsünder grün zu waschen. Er ist der Idealtyp für diesen Job – im Inland und Ausland. Wenn irgendwo auf der Welt ein Skandal passiert, Thomas erfindet eine wunderbare soziale Story, die die andere Welt glaubt, weil sie sie glauben will. Er gehört zur Generation schön-gierig-skrupellos, ernährt sich Bio, trainiert seinen Körper und schluckt Aufpusher und Tranquilizer, um der Hektik seiner, unserer Welt gewachsen zu sein. Das Buch ist nicht hektisch, aber rasant. Die Sprache wird immer schneller, je weiter sich die Geschichte entwickelt. Legen Sie es ab und zu für ein paar Minuten zur Seite, ehe Sie kollabieren!

Andrea Schubert

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Die Möglichkeit eines Verbrechens

Dror Mishani

Avi Avraham ermittelt
Der israelische Autor Dror Mishani legt hier bereits zum zweiten Mal einen sehr wohltuenden Gegenpol zu vielen anderen Krimis vor, die wohl manchmal nach dem Motto „je bizarrer zugerichtet die Leiche, je mehr Psychopathen am Werk desto besser“ funktionieren sollen.
Cholon, nahe Tel Aviv: wir erleben einen beruflich (und privat) gebeutelten Ermittler, der sich auf eine Spur begibt, dabei vom Weg abkommt und die Möglichkeit eines weiteren Verbrechens wittert... Ruhig und trotzdem höchst spannend verknüpft der Erzähler verschiedene Stränge, gibt ausführlich Einblick in das Seelenleben der Figuren und zeigt vor allem die menschlichen Tragödien hinter den Gewalttaten. Für mich eine äußerst gelungene, packende Kombination.
Bereits als Taschenbuch erhältlich ist Avi Avrahams erster Fall mit dem Titel „Vermisst“, dtv-Verlag.

Jutta Schleinkofer

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Die Auferstehung

Karl-Heinz Ott

Ein Porträt der zwischen 1946 und 1959 Geborenen
Der Tod des Vaters bringt die vier Kinder nochmals gemeinsam am Ort ihrer Kindheit zusammen.  Während der Vater tot auf dem Sofa liegt, werden alte Geschichten ausgegraben und  ungefiltert und hoch emotional ausdiskutiert. Das berufliche und private Scheitern des jeweils Anderen wird gnadenlos ausgebreitet. Verwandt fühlt sich hier bald keiner mehr. Was sie alle doch noch vereint, ist das erhoffte gemeinsame Erbe. „Schaffe, schaffe – Häusle bauen“  wie die Eltern wollten sie nie, sondern weit weg von der schwäbischen Provinz frei leben. Nur wirklich Geld verdient haben sie dabei nicht und im Alter wäre so ein „Häusle“  doch nicht mehr ganz so daneben.
Ott erzählt brillant und mit großer Komik von Krieg und Frieden in der Familie, von den Dingen des Lebens und von der Frage, was danach kommt.

Margret Thorwart

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Der Totgeglaubte

Michael Punke

Eine wahre Geschichte vom Überleben im Wilden Westen
South Dakota zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Eigentlich ist der Pelztierjäger Hugh Glass nach dem Zusammentreffen mit einem Grizzly schon ein „Dead Man“. Doch der Tod will nicht kommen, dafür kommen die  Indianer. Wehrlos und ohne Proviant lassen seine Begleiter ihn neben dem bereits geschaufelten Grab zurück. Angetrieben vom Wunsch nach Rache schleppt er sich Tausende von Meilen durch die einsame Prärie auf der Suche nach denen, die ihn so schändlich im Stich gelassen haben.
So weit, so überschaubar. Aber dem Autor ist es gelungen diese Geschichte so fesselnd zu erzählen, dass der/die LeserIn von Abenteuerromanen sehr glücklich mit diesem Buch sein wird. Noch besonders erwähnenswert: die Geschichte hält mit ihren grandiosen Landschaftsbeschreibungen, was das schöne Buchcover verspricht.

Margret Thorwart

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Der dunkle See

Conny Schwarz

Pure Spannung aus dem Süd-Westen
Thea Dombrowski, die sympathische Lokalreporterin mit der Augenklappe, stolpert sozusagen in ihren zweiten Fall. Sie sollte für einen Artikel übers Jagen recherchieren und findet dabei einen Toten, der offenbar der rechten Szene nahe stand. Als dann auch noch der Sohn ihrer Nachbarin spurlos verschwindet, der sich intensiv mit dem Thema NSU und dem Heilbronner Polizistenmord auseinandergesetzt hat, beginnt sie zu ermitteln. Ein unterhaltsamer Krimi mit freundlich-ironischem Blick auf die südwestdeutsche Provinz und aktuellem politischem Hintergrund.

Jeannine Beihofer

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Ein untadeliger Mann

Jane Gardam

Viel Empathie und ein guter Schuss Ironie
Sir Edward Feathers kann auf ein bewegtes Leben im British Empire zurückblicken. Er machte Karriere als harter, aber gerechter Richter in Hongkong und hat einen tadellosen Ruf in Anwalts-kreisen. Nach der Pensionierung zieht er mit seiner Frau Betty nach England zurück, das seine Heimat ist und doch wieder nicht.  Die Mutter stirbt bei seiner Geburt in der britischen Kolonie Malaysia, der Vater ist mit der Erziehung überfordert. Mit fünf Jahren wird er, wie viele andere „Rai-Waisen“, nach England geschickt. Dort erlebt er anfangs eine sehr harte Zeit in einer Pflegefamilie, bis er das Glück hatte in einer Privatschule eine Art Familie zu finden. Da er intelligent und ehrgeizig ist, kann er nach dem Schulabschluss ein Jurastudium beginnen. Nach außen hin präsentierte sich Sir Edward stets untadelig und stark. Erst nach dem Tod seiner Frau Betty hat er viel Zeit zum Nachdenken und so manche verdrängte Erinnerung holt ihn wieder ein.

Anja Saly

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Die Hochzeit der Chani Kaufman

Eve Harris

Facettenreicher Einblick in eine fremde Welt
Die Autorin entführt den Leser in ihrem ersten Roman ins heutige London: dort gibt es eine große ultraorthodoxe jüdische Gemeinde in der die Menschen nach streng religiösen Vorschriften leben. Hauptsächlich am Beispiel zweier Frauengestalten zeigt sie wie schwer es für den Einzelnen ist regelkonform zu bleiben und dabei die eigenen Träume und Sehnsüchte nicht aufzugeben.
Die 19-jährige Chani Kaufman wird in Kürze heiraten. Sie und ihr Bräutigam haben es geschafft die Wünsche ihrer Familien zu umgehen und sich der traditionellen Ehevermittlung widersetzt.  
Nun tritt Chani mit ihren Fragen und Sorgen an die alteingesessene Ehefrau des Rabbiners heran. Diese wiederum war in ihrer Jugend alles andere als fromm, ist aber ihrem zukünftigen Mann in das streng religiöse Leben gefolgt. All die damit verbundenen Konflikte werden schlüssig und unterhaltsam erzählt und auch die Nöte aller Protagonisten werden gut nachvollziehbar geschildert.

Jutta Schleinkofer

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Worte in meiner Hand

Guinevere Glasfurd

"Um gut zu leben, muss man unsichtbar leben." (René Descartes, Brief an Mersenne, April 1634)
Dieser Roman beruht auf einer wahren Begebenheit: René Descartes hatte ein Verhältnis mit einer jungen Holländerin - und die beiden hatte eine Tochter. Alles Weitere ist Fiktion von Guinevere Glasfurd: sie hat daraus die Geschichte einer intelligenten jungen Frau entwickelt. Helena Jans van der Strom scheint ihrer Zeit voraus zu sein, denn Intelligenz, Wissenshunger und Bildung gehören sich für eine Frau des 17. Jahrhunderts einfach nicht. Auch ihre Liebe zu René Descartes ist völlig undenkbar. Aller Widrigkeiten zum Trotz sucht Helena ihren Weg und die Möglichkeit, ihr Leben so selbstbestimmt und frei wie möglich zu gestalten - dies hat mich an diesem Buch besonders berührt.-

Elisabeth Nagel

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Liebe mit zwei Unbekannten

Antoine Laurain

Laure, eine Vergolderin, und Laurent, ein Buchhändler, leben in Paris und kennen sich nicht. Eines Abends wird Laure überfallen. Sie wird verletzt, fällt ins Koma, ihre Handtasche wird geraubt. Laurent findet diese Handtasche und verliebt sich in den Inhalt. Unter anderem ein Roman von Patrick Modiano, signiert vom Autor, und ein rotes Notizbuch mit ganz persönlichen Gedanken. Wer ist diese Frau? Laurent weiß nur eines: er möchte sie unbedingt kennenlernen. Wie das geschieht, erzählt Antoine Laurain auf eine äußerst charmante Art und Weise, die einen nicht mehr loslässt. 240 Seiten voller Esprit, Witz und Gefühle, die auch Leser, die eigentlich keine Liebesromane mögen, in ihren Bann ziehen und mitleiden, mitleben und mitfreuen lassen.

Andrea Schubert

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Das Mädchen, das rückwärts ging

Kate Hamer

Im englischen Norfolk verschwindet ein Mädchen. Bei dichtem Nebel scheint die achtjährige Carmel wie vom Erdboden verschluckt. Es gibt keine Hinweise, niemand hat sie gesehen, die Polizei tappt im Dunkeln. Carmels Mutter Beth gibt sich selbst die Schuld und verliert sich fast in der Suche nach ihrer Tochter. Carmel ist ein besonderes Mädchen: Sensibel und reifer als andere in ihrem Alter, verhält sie sich oft rätselhaft, wirkt abwesend, verträumt.  Für Carmel beginnt währenddessen eine lange und ungewöhnliche Reise - bemerkenswert ist ihre Gabe, sich selbst treu zu bleiben und den Kern ihrer Persönlichkeit zu schützen. Beth und Carmel erzählen im Wechsel und ich war gefangen in der Spannung, die sich bis zur letzten Seite hält. Berührend und sehr sensibel erzählte Mutter-Tochter-Geschichte.

Birgit Rupp

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Konzert ohne Dichter

Klaus Modick

Klaus Modick hat einen historischen Roman über die Worpsweder Künstlerkolonie  geschrieben. Mit leichter Hand skizziert er seine Figuren rund um die Themen Liebe, Freundschaft, Kunst und ihr Rin-gen mit Anspruch und Wirklichkeit. Gut recherchiert und mit viel ironischer Sympathie, besonders für seine Hauptfigur, den Jugendstilmaler Heinrich Vogeler,  lässt Modick eine längst vergangene Epoche literarisch wieder auferstehen. Heinrich Vogeler, Rainer Maria Rilke, seine Frau Clara und Paula Modersohn-Becker tanzen einen Sommerreigen, der dem Leser viel Freude bringt. Das Gemälde, das dem Roman den Titel leiht, steht für eine trügerische Idylle, die in ihrer Problematik  erstaunlich moderne Züge aufweist. Man mag sofort glauben, dass es genau so gewesen sein muss, und wenn nicht, schadet es auch nichts. Viel zu schnell ist die Begegnung mit den Hauptfiguren, der allgegenwärtigen Kunst und der fragilen Welt von Worpswede vorbei. Hat Modick bei dem einen oder anderen Leser auch ein wenig den Blickwinkel „verrückt“, sein Künstlerroman weckt die große Lust, sich weiter mit dem ungebrochenen Zauber von Worpswede zu be-schäftigen.

Elke Weirauch-Glauben

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Miss Vee oder wie man die Welt buchstabiert

Lissa Evans

London, kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Der zehnjährige Noel landet nach dem Tod seiner Patin, einer Kämpferin für Arbeiter-, Frauen- und Menschenrechte, mit der Kinderlandverschickung im kleine St. Albans. Dort nimmt sich Vera Sedge, „Miss Vee“, seiner an. Vera hat in ihrem Leben schon viele Schicksalsschläge hinnehmen müssen und ist reichlich unorganisiert. Mit dem anfangs verstockten, aber hochintelligenten Noel an ihrer Seite schafft sie es, in unruhigen Zeiten über die Runden zu kommen. Ein ruhiges, nachdenkliches, traurig-schönes und mit wunderbaren Figuren bestücktes Buch über eine besondere Freundschaft. 

Sven Puchelt

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In der Finsternis

Sandrone Dazieri

Ein Kind verschwindet. Die Mutter wird tot aufgefunden. Ist der Vater der Täter?  Alle sind über-zeugt davon. Einzig Rovere, der Leiter der römischen Kriminalpolizei nicht. Heimlich lässt er die durch einen Einsatz schwer traumatisierte Colomba Caselli ermitteln. Bis jetzt die üblichen „Zutaten“ für einen Krimi. Das Besondere an diesem Krimi ist: Dante Torre. Er wurde als Kind entführt und war  11 Jahre eingesperrt in einem Betonsilo. Um zu überleben bzw. zu wissen, wird er bestraft oder belohnt, musste er lernen,  die Gefühlslage seines stets vermummten Entführers zu deuten. Dadurch hat er einen  außergewöhnlichen  Instinkt für menschliche Regungen entwickelt. Diese besondere Gabe und seine Überzeugung, dass der Mann, den er Vater nennen musste, erneut  zugeschlagen hat, bringen Colomba auf die richtige Fährte. Aber alles gerät außer Kontrolle… Dieser Krimi ist nicht nur unglaublich spannend geschrieben und sehr gut recherchiert, sondern auch trotz vieler überraschender Wendungen immer in sich stimmig. Spät und  sehr finster war es dann immer, wenn ich eine Zwangslesepause eingelegt habe.

Margret Thorwart

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Das Büro der einsamen Toten

Britta Bolt

Pieter Posthumus arbeitet für das „Büro der einsamen Toten“ der Stadt Amsterdam. Seine Aufgabe ist es, Angehörige von Verstorbenen zu finden. Während seine Kollegen ihre Fälle schnell zu den Akten legen möchten, lassen PP die Schicksale der Toten aber nicht in Ruhe. Er recherchiert jeden Fall akribisch. So auch als in der Prinsengracht ein junger Marokkaner tot aufgefunden wird. Außer einer Visitenkarte findet man nichts bei der Leiche. PP findet heraus, dass der junge Mann Kontakt zu einer Gruppe von Muslimen hatte, die vom Staatsschutz beobachtet wird. Bei seinen Nach-forschungen gerät der ungewöhnliche Ermittler in ein Netz aus Intrigen und dubiosen Machen-schaften. Amsterdam, diese verwinkelte, von Grachten durchzogene Multikultistadt, bietet eine tolle Kulisse für den spannenden Krimi mit viel Lokalkolorit. Er erzählt von einer Gesellschaft, die aus Angst vor Terror allzu schnell über andere urteilt.

Anja Saly

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Ein Frühling in Jerusalem

Wolfgang Büscher

Büscher ist schon von Berlin nach Moskau gewandert, hat Deutschland umrundet, die USA zu Fuß durchquert und uns literarisch daran teilhaben lassen. In seinem neuesten Buch streift er einige Monate lang durch Jerusalem und nähert sich dieser „viertausend Jahre alten Dame mit grauem Haar“ mit Respekt. Drei Weltreligionen innerhalb enger Stadtmauern: Man weiß um den Zündstoff. Es ist kein politisches Buch, fast will man sagen: Gott sei Dank. Der Autor fängt Stimmungen auf, schildert, was in der Luft liegt – wenn jemand das in Worte fassen kann, dann er. Das Aussterben des christlichen Viertels, die Immobilienpolitik der Siedler, die aufgeladene Atmosphäre am Tempelberg sind trotzdem Thema. Jeder Stein, fast jede Lebensgeschichte ist historisch aufgeladen: „Jerusalem denkt nicht in Jahren, Jerusalem denkt in Jahrtausenden“. Bei der Lektüre kommt große Sehnsucht auf, diese Stadt einmal wieder zu besuchen.

Elisabeth Nagel

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Weinhebers Koffer

Michel Bergmann

Ein kleines Buch, das eine große Geschichte erzählt und mich sehr berührt hat. Der Berliner Journalist Elias Ehrenwirth erwirbt bei einem Trödler einen alten Koffer, der ihm als Geschenk für seine Freundin geeignet scheint. Er recherchiert über die Geschichte des Koffers, der die Initialen L.W. trägt und findet heraus, dass der Koffer dem Schriftsteller Leonard Weinheber gehörte, der Anfang 1939 Deutschland mit Ziel Palästina verlassen hat. Elias, wie Weinheber Jude, fängt an über die Geschichte Weinhebers zu forschen. Die Suche führt ihn nach Israel. Anders als in seinen erfolgreichen Romanen „Die Teilachers“, „Machloikes“ und „Herr Klee und Herr Feld“ bedient sich Bergmann dieses Mal einer knappen, klaren Erzählform, die aber auch sprachliche Finessen aufweist, etwa wenn er zwischen der Gegenwartserzählung und Passagen aus Weinhebers (fiktivem) Werk  wechselt. Das Buch wirkt nachhaltig und ich werde es garantiert noch mindestens ein zweites Mal lesen.

Sven Puchelt

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Die Middlesteins

Jami Attenberg

Für mich ist dieser Roman die Entdeckung des Frühjahrs.
Richard, Apotheker in einem Vorort von Chicago, hat soeben nach über 30 Jahren Ehe seine Frau Edi verlassen, die seit Jahren dabei ist sich zu Tode zu essen. Der Zeitpunkt könnte ungünstiger nicht sein, da in Kürze die Bar-Mizwa-Feier der gemeinsamen Zwillingsenkel ansteht und diese doch eigentlich - zumindest nach außen – in trauter Harmonie stattfinden soll. Soweit die vielleicht etwas skurril klingende Ausgangssituation. Der Leser sieht nun dabei zu, wie die erwachsenen Kinder und ihre Partner verzweifelt versuchen zu retten, was nicht mehr zu retten ist, und sich dabei gegenseitig mit ihren persönlichen „Macken“ in die Quere kommen. Jami Attenberg erzählt diese tragisch-komische Familiengeschichte zugleich ausgesprochen warmherzig,  mit viel Sympathie für ihre Figuren und doch mit leichter Ironie. Das Ganze aus wechselnder Perspektive betrachtet, unterhaltsam und temporeich. Ein großer Lesegenuss von der ersten Seite an.

Jutta Schleinkofer

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Altes Land

Dörte Hansen

Zwei Frauen und ein uraltes Bauernhaus stehen im Mittelpunkt dieses Romans. Vera kommt nach dem Krieg als Flüchtlingskind aus Ostpreußen auf den Hof im Alten Land bei Hamburg. Das große, unheimliche Haus mit der Inschrift “Dit Hus is mien un doch nich mien...“ lässt sie ihr Leben lang nicht mehr los. Sie bleibt dort, schlägt aber nicht wirklich Wurzeln, sondern wächst einfach fest. Selbst nachdem Vera das Haus erbt, studiert und Zahnärztin wird, gehört sie nie wirklich zur Dorfgemeinschaft und nach Ansicht der Nachbarn lässt sie Haus und Hof total verlottern. Eines Tages stehen wieder zwei Flüchtlinge vor diesem Haus: Veras Nichte Anne mit ihrem kleinen Sohn Leon. Anne flüchtet vor ihrem Mutterdasein in Hamburg-Ottensen. Ihr Mann hat eine Affäre mit seiner Chefin und sie hält es nicht mehr aus in diesem Szene-Stadtteil und ihrem Job als Flötenlehrerin. Die beiden beginnen das Haus zu renovieren und somit langsam auch ihr Leben aufzuräumen. Dörte Hansen erzählt mit scharfem Blick und trockenem Humor von diesen angeknacksten Leuten, die allesamt vor einem Wendepunkt in ihrem Leben stehen.       

Jeannine Beihofer

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Ein ganzes Leben

Robert Seethaler

Kann man auf 160 Seiten ein achtzig Jahre währendes Leben erzählen? Ja, das ist möglich, wie der österreichische Autor Robert Seethaler hier beweist. Andreas Egger kommt irgendwann Ende des 19. Jahrhunderts als Waisenkind in ein Bergdorf, in welchem er fast sein gesamtes Leben verbringen wird. Er erlebt den beginnenden Tourismus, ist als Arbeiter am Bau der ersten Seilbahnen dabei, findet die Liebe seines Lebens und verliert sie wieder. Staunend blickt er auf die Menschen in seiner Umgebung und auf die Veränderungen der Welt. Sehr knapp erzählend lässt Seethaler Bilder im Kopf entstehen, die den Leser Eggers Leben fast sinnlich erfahren lassen.

Sven Puchelt

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Wir sehen uns dort oben

Pierre Lemaitre

Kurz vor Ende des ersten Weltkrieges wird der junge Soldat Albert fast Opfer der Geltungssucht seines Offiziers Pradelle. Sein Kamerad Édouard rettet ihm in letzter Minute das Leben, wird dabei aber durch einen Granatsplitter für den Rest seines Lebens entstellt. Nach Ende des Krieges bleiben die beiden zusammen und beginnen einen betrügerischen Handel mit Kriegsdenkmälern. Dabei kreuzen sich ihre Wege auch wieder mit denen Pradelles. Ungemein fesselnd erzählt der mit dem Prix Goncourt ausgezeichnete Roman von einer Gesellschaft, in der viel von Ruhm und ehrenhaftem Handeln die Rede ist und die doch, auch als Folge des Krieges, von Habgier, Geltungssucht und Grausamkeit durchdrungen ist.

Sven Puchelt

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Zwei Herren am Strand

Michael Köhlmeier

Von Seelennot und Trostbedürfnis handelt Köhlmeiers neuer Roman: Winston Churchill und Charlie Chaplin haben eine gemeinsame Geschichte. Vielleicht ließe sich diese erzählen – so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Charlie Chaplin und Winston Churchill waren befreundet, beide litten unter Depressionen und Angstzuständen. Der eine malte, der andere wurde zum Clown – jeder hatte seine Strategie, mit dem „schwarzen Hund“ umzugehen.
Genau so hätte es sein können: Es gab diese Freundschaft zwischen Churchill und Chaplin, es gab die depressiven Phasen, sonst jedoch ist alles frei erfunden. Aber Köhlmeier, der haufenweise historische Dokumente anschleppt, glaubt man jedes Wort: sogar, dass sich Churchill und Hitler - gegen jedes historische Wissen - vielleicht doch einmal begegnet sind, in der Herrentoilette eines Münchner Hotels.

Birgit Rupp

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Aufstieg und Fall großer Mächte

Tom Rachman

Begleiten Sie Mathilda Zylberberg (genannt Tooly) durch drei Lebensabschnitte:  1988 in Bangkok beginnend, 1999/2000 in New York eine Wende erfahrend und 2011 in die Gegenwart mündend. Da sie schon als Kind ständig von einem Ort zum nächsten ziehen musste, entwickelte sie sich zu einer getriebenen Persönlichkeit, einer Überlebenskünstlerin, von ebensolchen umgeben. Nur ganz langsam lösen sich die Rätsel, welche sich mit jedem Kapitel und mit jedem Lebensabschnitt vor dem Leser auftürmen. Ich fühlte mich beim Lesen wie eine Detektivin, die unbedingt herausfinden wollte, wie dieses Lebenspuzzle zusammenpasst.
Und genau diese Rätsel, die sich erst auf den letzten Seiten ganz anders als erwartet auflösen, sind die Stärke dieses Buches. Für mich hervorragende Unterhaltung und sehr empfehlenswert für Herbststunden auf der Couch.

Birgit Rupp

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Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

Joël Dicker

Ein Leichenfund erschüttert das Städtchen Aurora an der Ostküste der USA. 33 Jahre nach dem Verschwinden der jungen Nola wird ihr Skelett im Garten des berühmten Schriftstellers Harry Quebert entdeckt. Neben ihr liegt das Originalmanuskript seines bekanntesten Romans. Als Quebert auch noch zugibt ein Verhältnis mit Nola gehabt zu haben, ist der Skandal perfekt. Nur einer ist überzeugt von seiner Unschuld. Marcus Goldman, ein guter Freund, zieht in sein Haus und ermittelt auf eigene Faust. Er selbst wird gerade nach einem erfolgreichen Debüt von einer Schreibblockade geplagt. Während er nun immer tiefer in die Vergangenheit seines Freundes eintaucht, kommt ihm die Idee, darüber einen Roman zu schreiben. Was geschah nun wirklich im Sommer 1975? Was führte zur Ermordung der Kleinstadt-Lolita und wer hat es getan? Die befragten Zeugen können sich kaum noch erinnern. Da ist Vieles Hörensagen, Vermutung und Spekulation. Immer wenn Goldman glaubt, eine endgültige Wahrheit aufgedeckt zu haben, war es ganz anders. Dieser Roman ist bis zur letzten Seite ausgeklügelt konstruiert. Er ist zugleich Krimi,
Liebesroman und Gesellschaftsdrama.

Anja Saly

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Immer noch New York

Lily Brett

Lily Brett, Tochter zweier Holocaust-Überlebender, machte schon mit ihrem ersten Kolumnenband ihre Wahlheimat New York zur Hauptperson.
Erneut hat sie „ihrer“ Stadt eine Liebeserklärung geschenkt. In kleinen Erzählungen zeigt sie in ihrer typischen Schreib- und Sichtweise herrlich komische Einblicke in das New Yorker Leben. Genau beobachtet sie und skizziert  liebevoll den täglichen Wahnsinn. Der Leser begegnet vielen alten Bekannten, wie z.B dem mittlerweile 98-jährigen Vater der Autorin, dem seine Vorliebe für schöne Frauen immer noch geblieben ist. Man erfährt vom besonderen Verhältnis eines Cousins zu seinem Fahrrad und bekommt große Hochachtung für die Herstellung von Kichererbsencurry.
In einem Interview vergleicht die Autorin ihr Verhältnis zu dieser Stadt mit dem zu einem Lover. In der Tat hat man das Gefühl, dass sich nicht nur Lily Brett auf New York einlassen muss, sondern auch umgekehrt ist die Autorin in ihrer unnachahmlichen Art eine Herausforderung für die Stadt und ihre Bewohner.
Vorsicht, wenn sie nicht gerne auffallen möchten, sollten sie das Buch nicht unbedingt in der Öffentlichkeit lesen. Man könnte sie öfters beim lauten Lachen ertappen.

Elke Weirauch-Glauben

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Eis

Ulla-Lena Lundberg

Der Titel klingt wie ein Thriller, doch steckt im ersten Buch der schwedisch-finnischen Autorin, das auf deutsch erschienen ist, alles andere als ein Krimi. Es ist die rührend-normale Geschichte des Pfarrers Petter Kummel, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit Frau Mona und Tochter Sanna auf eine Schären-Insel zieht. Die Kummels aus der Stadt sind ganz anders als die Fischer und Bauern und ihre Frauen auf der Insel. Doch sie finden zusammen, auch dank der schlichten Tatsache, dass die Insulaner im Gottesdienst gerne singen und Petter sehr gut singen kann. Lundberg erzählt die Geschichte in klaren, einfachen Worten, die auch unliebsame Wahrheiten aussprechen. Sie erzählt von einem ganz normalen Leben in einer alles andere als „normalen“ Umwelt und in einer Zeit, die von Mangel geprägt war. Sie bringt den Leser zum Lachen und rührt ihn zu Tränen. Es gibt kein Happy-End in dieser Geschichte. Doch selbst das größte Unglück, das das Leben auf der Insel wieder vollkommen verändert, beschreibt Ulla-Lena Lundberg (übersetzt von Karl-Ludwig Wetzig) so, dass man es beglückt lesen muss.

Andrea Schubert

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Der Distelfink

Donna Tartt

Theo Decker, der ein sehr ordentliches Leben führt, ist 13, als er bei einem Bombenattentat auf ein Museum in New York seine Mutter verliert. Die Kunstliebhaberin hatte ihm gerade ihr erstes Lieblingsbild vorgestellt, „Der Distelfink“ des Rembrandt-Schülers Fabritius. Als Theo in den Trümmern aufwacht, unverletzt, aber schockiert, liegt dieses Bild neben ihm. Er nimmt es mit im Bewusstsein, dass er das eigentlich nicht darf. Dieser Diebstahl ist sein erster krimineller Akt. Es werden noch viele folgen, ohne dass Theo das will. Doch er kommt nicht heraus aus der Spirale der Unehrlichkeit und des illegalen Tuns, das sich von Jahr zu Jahr steigert. Aus dem Jugendbuch wird eine Sozialstudie, ein Krimi der feinsten Art, ein philosophischer Roman, eine Gesellschaftssatire, eine kunstgeschichtliche Abhandlung, ein Thriller im übelsten Verbrechermilieu. Man liebt Theo und leidet mit ihm. Und wie sich Theo sich der Faszination des Bildes nicht entziehen kann, konnte ich dieses Buch nicht weglegen.

Andrea Schubert

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Vor dem Fest

Saša Stanišić

Die Geschichte einer Nacht, der Nacht vor dem Annenfest in einem uckermärkischen Dorf, ist gleichzeitig Schwank, Heimatroman und Dorfchronik. Und wer schon einmal eine Nacht durchgemacht hat, weiß, wie sich die Zeit dehnt, die Stimmung kippt. Genau diese Atmosphäre erschafft Stanišić durch verschiedene sprachliche Kunstgriffe: Einschübe aus alter Historie, aus Chroniken, die Perspektive eines Tieres relativiert die menschlichen Tätigkeiten. Alles wiederholt sich. Menschen aus dem 17. Jahrhundert tauchen ähnlich wieder auf. Auch eine Handlung gibt es in dieser Nacht: Herr Schramm will Selbstmord begehen, wird von Anna gerettet und findet sein Glück (nicht mit ihr). Glocken werden gestohlen, ein Einbruch ins Haus der Heimat verübt – oder war es ein Ausbruch? Im Lichte des Morgens hat sich alles wieder beruhigt und geglättet. Man fragt sich, was eigentlich passiert ist. Stanišić springt in den Sprach- und Stilebenen, er montiert und reimt, schreibt modern im besten Sinn und hat dazu auch noch Witz. Sprachliche Finesse, Humor und Unterhaltung – leider eine seltene Koexistenz, aber hier gibt es sie und das hat mich als Leser sehr erfreut.
Preis der Leipziger Buchmesse, Kategorie Belletristik 2014

Elisabeth Nagel

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Abtsmoor

Eva Brhel

„Wenigstens hatte sie jetzt eine Leiche. Wie war das nochmal, überlegte sie, Bruchwälder, Abtsmoor? ‚Hört sich ja reizend an‘, brummte Hannah Henker, die Gitarre im Arm, wohl wissend, dass sie eigentlich in fünf Minuten im Auto sitzen müsste, wohl wissend, dass man sich eigentlich nicht über eine Leiche freuen sollte.“ Die Hauptkommissarin Hannah Henker hat sich vom Bodensee nach Karlsruhe versetzten lassen um ihrem Geliebten, dem hiesigen Staatsanwalt, näher zu sein. Doch der will plötzlich nichts mehr von ihr wissen. Deshalb kommt ihr der Fall gerade recht. Im Abtsmoor wurde die Leiche einer jungen Frau gefunden – Olivia Walter. Die Biologin war Mitglied einer Organisation zur Bekämpfung der Schnakenplage in den Rheinauen, der KABS. Die Kommissarin und ihr Team ermitteln in alle Richtungen. Als eine weitere junge Frau ermordet wird, steigt der Druck enorm.
Thematisiert werden unter anderem auch die hohe Arbeitslosigkeit unter Akademikern und die kriminellen Machenschaften von Strukturbetrieben. Ein tolles Krimidebüt von Eva Brhel, die am Rande des Kraichgaus lebt.

Jeannine Beihofer

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Brennerova

Wolf Haas

Er ist wieder da! Brenner, Ex-Kommissar und Privatdetektiv. Mittlerweile im Ruhestand hat der Brenner  viel freie Zeit. Und freie Hand, da Freundin Herta oft „Weltweitwandern“  ist oder beim Schamanenseminar. Der Brenner reist dann auch: ins Internet.  Mehr aus Neugier landet er  bei einer digitalen Partnerschaftsvermittlung, die sich auf Frauen aus Osteuropa spezialisiert hat. Dabei lernt er Nadeshda kennen und reist dann doch noch physisch: nach Nischni Nowgorod.  Aber dann muss er doch wieder ermitteln:  Die Schwester seiner „Brennerova“ ist verschwunden. Vermutlich verschleppt  von Menschenhändlern in die Rotlichtwelt von Wien.
Im üblichen Brenner-Stil (und das ist schon Sprachkunst) erzählt Haas nicht immer politisch korrekt  über Denken, Leben und Sterben in Österreich  und es funktioniert immer noch bestens. Für Brenner-Fans ein Muss und für Alle, die gerne schräge Geschichten lesen.

Margret Thorwart

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Das Lied der Stare nach dem Frost

Gisa Klönne

Gisa Klönne ist eigentlich eine erfolgreiche Krimiautorin und das macht sich auch in diesem Roman bemerkbar: Spannend von der ersten bis zur letzten Seite erzählt sie auf zwei Zeitebenen  die Geschichte einer Familie vom Ersten Weltkrieg bis heute. Rixa Hinrichs reist als Bar-Pianistin auf Kreuzfahrtschiffen um die Welt. Sie versucht zu vergessen: den Tod des Bruders und den Zerfall der Familie. Da erhält sie die Nachricht vom Unfalltod der Mutter. Sie fliegt nach Berlin und findet im Nachlass der Mutter einen Brief, der ein Familiengeheimnis offenbart. Die Suche nach einer Erklärung führt sie zurück in das alte Pfarrhaus ihrer Großeltern nach Mecklenburg.
Ein vielschichtiger Roman über ein deutsch-deutsches Familienleben,  in dem sich die historischen Ereignisse widerspiegeln. Politische und gesellschaftliche Verhältnisse, in denen es schwer war, mit Anstand zu überleben.

Margret Thorwart

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Am zwölften Tag

Wolfgang Schorlau

Georg Denglers Sohn Jakob ist verschwunden. Denglers geschiedene Frau macht ihm die Hölle heiß: Finde unseren Sohn! Aber nicht nur Jakob ist unauffindbar, auch seine Freunde.  Georg Dengler, der Stuttgarter Privatermittler, macht sich auf die Suche nach ihnen. In Jakobs Wohnung findet er Aufkleber, wie sie Unbekannte in den letzten Wochen auch in den Tiefkühltruhen von Supermärkten angebracht haben. »Dieses Fleisch stammt aus Massentierhaltung. Sie vergiften damit sich und ihre Familie«, steht darauf. Ist sein Sohn ein radikaler Tierschützer oder von der Tiermast-Mafia entführt worden?  Bereitet er mit seinen Mitstreitern eine große Aktion vor? Es entwickelt sich eine spannende Geschichte mit harten Fakten über Massentierhaltung und die Methoden der Fleischindustrie.

Barbara Casper

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Ostende 1936, Sommer der Freundschaft

Volker Weidermann

Volker Weidermanns kleiner, aber feiner Roman über die Freundschaft zwischen Stefan Zweig und Joseph Roth ist  zugleich eine kluge Skizzierung der politischen und gesellschaftlichen Situation in Europa im Sommer 1936. Im belgischen Badeort Ostende trifft sich wenige Jahre vor dem 2. Weltkrieg die geistige Exilgemeinde, bunt zusammengewürfelt, heimatlos durch die faschistische Bedrohung in Europa.  Alle sind bedacht, den Sommer gemeinsam zu feiern, doch ahnt jeder, dies könnte der letzte sein.
Wie Konfetti wirft der Autor mit zeitgeschichtlichen Fakten und literarischen Persönlichkeiten um sich, immer gut recherchiert und in kleine Anekdoten verpackt. Der Leser folgt ihm gerne, trifft die unterschiedlichsten
Charaktere und politischen Lager, hört  düstere Zukunftsvisionen und klarsichtige Einschätzungen.
Mittendrin immer Zweig und Roth mit ihrer seltsamen Freundschaft.
Optisch und charakterlich beide so gegensätzlich, sind sie doch glühend vereint in ihrer Liebe zum Wort.
In diesem Sommer erleben auch Joseph Roth und Irmgard Keun ihre wuchtige und zerstörerische, vom Alkohol geprägte Liebe. Diese steht auch für das trotzige Gegenhalten für die trügerische Unbeschwertheit der Protagonisten. Es folgt ein Herbst, der ernüchtert. Die Hoffnung auf bessere Zeiten schwindet: “Das Wort ist schwach geworden“ gegenüber einer Zeit, die Wiedermann dem Leser eindringlich näher bringt.

Elke Weirauch-Glauben

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Die englische Freundin

Tracy Chevalier

Die junge englische Quäkerin Honor Bright strandet 1850 in Ohio. Eigentlich hat sie ihre abenteuerlustige Schwester begleitet, die dort heiraten wollte, aber kurz nach der Ankunft in Amerika an Gelbfieber stirbt. Honor fällt es schwer, sich an die Neue Welt anzupassen; sie versucht, Fuß zu fassen und heiratet einen Farmer. Ohne sein Wissen und gegen den Willen ihrer Schwiegerfamilie hilft sie entlaufenen Sklaven, die auf der Flucht nach Kanada Ohio passieren müssen und gerät dadurch immer mehr unter Druck – auch weil zu allem Überfluss noch der Sklavenjäger Donovan ein Auge auf sie geworfen hat. Ein spannender und sorgfältig recherchierter historischer Roman mit drei starken Frauencharakteren: Neben Honor sind das Belle Mills, die tatkräftige Besitzerin eines Hutladens, eine echte Pionierin, und Mrs Reed, eine ältere freie Sklavin, die schwarze Flüchtlinge versteckt und Honor zum gegebenen Zeitpunkt die Leviten liest.

Elisabeth Nagel

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In hellen Sommernächten

John Burnside

Die achtzehnjährige Liv lebt mit ihrer Mutter, einer bekannten Malerin, abgeschieden auf einer Insel im hohen Norden Norwegens. Während eines Sommers – Burnside beschreibt sehr eindrücklich die weißen Nächte am Polarkreis und ihre Wirkung auf die Menschen – ertrinken zwei junge Männer, zwei weitere verschwinden spurlos. Dies ist die äußere Handlung, wobei die „Kriminalfälle“ nicht gelöst werden. Daneben gibt es Livs inneres Leben und vor allem ist es die Geschichte einer ungesunden Mutter-Tochter-Beziehung. Liv schafft es nicht, sich von ihrer vordergründig verständnisvollen, jedoch im Grunde egozentrischen Mutter zu lösen. Sie flüchtet sich in die Welt der Phantasie, die sie aber – kombiniert mit ihrer Einsamkeit – an den Rand eines Nervenzusammenbruchs  treibt: Liv glaubt nämlich, dass die „Huldra“, ein sagenhaftes Wesen, das seine Bösartigkeit unter der Maske einer schönen Frau verbirgt, in Gestalt ihrer Schulkameradin Maia die Männer getötet hat. All das kann wahr sein oder nicht, es bleibt offen. Im Vordergrund steht für mich die Geschichte einer jungen Frau, die ihr eigenes Leben „ertränkt“, um ihre Mutter nicht vom Thron stoßen zu müssen.

Elisabeth Nagel

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funny girl

Anthony McCarten

Azime, 20 Jahre alt mit kurdischen Wurzeln, lebt in London. Sie wohnt noch bei Ihren Eltern und arbeitet im Möbelgeschäft des Vaters mit. Ihre Mutter versucht zum Entsetzen der jungen Frau, eine Ehe zu arrangieren. Das Leben von Azime ändert sich aber schlagartig, als sie einen Freund zu einem Comedy-Kurs begleitet. Dort erkennt sie, was sie wirklich will: Auf der Bühne stehen und Menschen zum Lachen bringen. Das ist aber ein hartes Stück Arbeit. Dann endlich tritt sie mit einer Burka verkleidet in kleinen Clubs auf und erzählt Gags aus ihrem eigentlichen Leben als Tochter muslimischer Migranten. Das Publikum ist begeistert und die Presse berichtet über sie. Daraufhin bekommt sie nicht nur mächtigen Ärger mit ihrer Familie sondern auch Morddrohungen. Azime wirft erst einmal zermürbt von Zweifeln alles hin. Dazu kommt noch, dass sie herausfinden will, warum eine Schulfreundin aus dem achten Stock zu Tode gestürzt ist. War es ein Ehrenmord in der Familie? Azime hadert auch oft mit ihrer Familie, aber sie schätzt zugleich die Geborgenheit, die sie dort findet. Die Geschichte zeigt sehr differenziert die Situation der Migranten, denen die Sitten und starren Regeln Sicherheit und Identität geben. Auf ihrem weiteren Weg wird Azime klar, dass sie Ihren Traum nicht aufgeben darf. Sie wird am Ende mit einem Auftritt im britischen Olymp der Comedy belohnt.

Anja Saly

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So wirst du stinkreich im boomenden Asien

Mohsin Hamid

In einem erstaunlichen Tempo wird das Leben eines Mannes erzählt, der als kränklicher Junge von einem verarmten Dorf in eine der wuchernden Großstädte Asiens zieht und dort im Trinkwassergeschäft ein Vermögen macht. Doch nicht diese Lebensgeschichte an sich ist das Besondere, sondern wie sie erzählt wird. Angelegt als eine Art Selbsthilfebuch, von denen Asien im Moment wohl tatsächlich überschwemmt wird, erzählt Hamid das Leben des Protagonisten, der schlicht mit „du“ vorgestellt wird. Es gibt keine Menschen- oder Ortsnamen in diesem Roman, doch der Autor hat in Interviews ein paarmal Pakistan als imaginären Schauplatz erwähnt. In diesem vorgegebenen Rahmen zu schreiben, könnte schwierig oder langweilig sein, doch Hamid erzählt erstaunlich bewegend und spannend. Eine Geschichte von Liebe und Ehrgeiz und den überwältigenden Veränderungen, die das boomende Asien überrollen. Jedes der 12 Kapitel wird mit einer Anweisung überschrieben und erzählt, was der Held aus dieser Anweisung gemacht hat. Es fängt an mit „Zieh in die Stadt“ über „Verschaff dir Bildung“ und „Verlieb dich nicht“. So geht es weiter bis zu „Denk an ein Ausstiegsszenario“. Hamid selbst scheint vor allem Punkt 11 zu beherzigen: „Konzentrier dich aufs Wesentliche“, denn für das 80 Jahre dauernde Leben seines Helden braucht er nur 224 Seiten.

Jeannine Beihofer

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Edward

Roy Lewis

Edward lebt mit seiner Familie im Pleistozän. Er weiß schon recht genau, wohin die Evolution führen wird, und greift dieser auf die eine oder andere Art hilfreich unter die Arme. Er bringt seiner Familie das Feuer, perfektioniert den Flintstein und erfindet – etwas zu früh – Pfeil und Bogen. Herrlich die Dispute mit seinem Bruder Wanja, dessen Motto „Back to the trees“ Edwards Lebensauffassung genau entgegengesetzt ist. „Das lustigste Buch der letzten 500.000 Jahre“ (Terry Pratchett)

Sven Puchelt

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Das fremde Meer

Katharina Hartwell

"Wir stehen still. Wir küssen uns nicht, wir versprechen uns nichts, wir sehen uns nicht einmal tief in die Augen, aber etwas geschieht wohl, in der regendurchsetzten Luft, in dem unkraut-überwucherten Boden. Es umgibt uns, es durchdringt uns." Eine Liebe, viel zu groß, um sie nur einmal zu erzählen. Das ist die Liebe der spröden Marie zu dem Künstler Jan. Deswegen lässt Katharina Hartwell Marie gleich zehnmal davon erzählen. Jede dieser Erzählungen könnte für sich stehen. Jede dieser Episoden hat ihren ganz eigenen Ton. Und Katharina Hartwell erzählt sie alle so gut, dass sie damit auf jeden Fall einen neuen Weltrekord im literarischen Zehnkampf aufgestellt haben dürfte. Aber in ihrem Zusammenspiel passiert etwas fast Magisches. Die wiederkehrenden Motive, Personen und Spiegelungen legen sich übereinander, verdichten sich. Keine „leichte Kost" - ein Buch, das mich bewegt und im wahrsten Sinne des Wortes „mitgenommen“ hat - und dem ich viele Leser wünsche.

Birgit Rupp

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Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer

Alex Capus

Die Geschichte beginnt 1924 im Hauptbahnhof von Zürich. Dort könnten sie sich zufällig begegnet sein, die drei Schweizer, von denen der Roman erzählt. Alle drei sollten in ihrem Leben eine gewisse Berühmtheit erlangen, wenn auch wider Willen. Felix Bloch, Atomphysiker und eigentlich Pazifist, der im Kampf gegen die Nazis an der Entwicklung der Atombombe beteiligt ist. Laura Doriano, deren größter Traum es ist, eine berühmte Sängerin zu werden, verkauft Hüte und Noten. Sie wird im Zweiten Weltkrieg Spionin für die Alliierten. Und Emile Gilliéron, der eine unglaubliche Begabung als Maler und Restaurator besaß. Er nutzte diese aber nicht für eine große künstlerische Karriere. Stattdessen half er mit, eine der größten archäologischen Fälschungen der Geschichte anzufertigen. Der Roman zeigt spannend und humorvoll die Geschichte und Entwicklung dieser drei Menschen im Kontext von Zeit und politischen Umständen. Capus verbindet Biografie und Fiktion in einem wunderbaren erzählerischen Stil und bietet dem Leser Unterhaltung auf hohem Niveau.

Anja Saly

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Täuscher

Andrea Maria Schenkel

Ein blutiger Doppelmord erschüttert 1922 ganz Süddeutschland. Der Hauptverdächtige ist der Sohn eines reichen Bürstenfabrikanten und das schwarze Schaf der Familie. Obwohl alle Indizien auf ihn verweisen, leugnet der Angeklagte beharrlich. Ist er ein abgebrühter Mörder oder das Opfer eines Justizirrtums? Täuscher bleibt dabei, er hat die beiden Frauen nicht ermordet, kann jedoch weder ein glaubhaftes Alibi noch Indizien beibringen, die ihn entlasten. Lediglich Kriminaloberwachtmeister Johann Huther hat Zweifel an der Schuld Täuschers, da ihm die präsentierte Aufklärung zu einfach ist. Wie gewohnt erzählt die Autorin nicht chronologisch, sondern reiht fiktive Vernehmungs- und Gerichtsprotokolle, Zeitungs- und Gesprächsnotizen aneinander, springt zeitlich hin und her – und nähert sich inhaltlich doch immer mehr dem Kern.

Schenkel schildert die verklemmte Gesellschaft in der Kleinstadt Landshut, die zu einer Vorverurteilung des vermeintlichen Mörders führt. Immer wieder springt man beim Lesen vor und zurück in der Zeit. Da folgt man etwa den ermittelnden Polizeibeamten an den Tatort und in ihre Büros. Oder trifft die Metzgerin, die vermutlich letzte Person vor dem Täter, welche das Opfer noch lebend sah. Lange ist unklar was tatsächlich passiert ist. Für mich ist es ein toller Krimi, bei dem man manchmal „um die Ecke“ denken muss!

Barbara Casper

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Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt

Sven Regener

Karl Schmidt ist zurück. Man kennt ihn als Freund von Herr Lehmann aus der Lehmann-Trilogie. Fünf Jahre sind vergangen seit dem Mauerfall und seinem Nervenzusammenbruch. Karl wohnt mittlerweile „betreut“ in Hamburg in einer sozialtherapeutischen WG namens Clean Cut 1. Kein Alkohol, keine Pillen. Das ist die Ausgangssituation, als Karl zufällig Raimund, einen alten Kumpel aus Berlin, trifft. Raimund plant eine Tour durch Deutschland, die den „Rave der 90er mit dem Hippieding der 60er versöhnen soll“. Dafür braucht er einen, der sich um alles kümmert, und einen Tourbus-Fahrer, der immer nüchtern bleiben muss… einen wie Karl! Mit viel Sprachwitz erzählt Sven Regener dieses „Roadmovie“ durch die Techno-Szene der 90er Jahre. Beste Unterhaltung für alle Leser der Lehmann-Bücher.

Margret Thorwart

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Karl der Große

Johannes Fried

Der Tod Karls des Großen jährt sich 2014 zum zwölfhundertsten Mal. Ein im Grunde unüberbrückbarer Abstand, um eine Biografie nach heutigen Maßstäben zu schreiben, wie Fried selbst zugibt. Was Karl gedacht oder gar gefühlt hat, entzieht sich unserem Wissen vollständig – selbst was er laut Überlieferung gesagt haben soll, kann nicht mit letzter Sicherheit auf ihn zurückgeführt werden. So sagt Fried über sein Werk auch, dass es „kein Roman, dennoch eine Fiktion“ sei. Auf gut 600 Seiten entsteht eher das Bild eines Zeitalters als das eines individuellen Menschen nach modernem Verständnis. Und der Autor fährt all sein gelehrtes Wissen auf, nähert sich seinem Protagonisten von all den Seiten, die die Quellen eben zulassen; auch etwas abseitigere Aspekte behandelt er, wie die spannende Frage nach der Umwelt des Frankenreichs und seiner Kommunikation mit dem und den Fremden. Wer also detailreich in Karls Leben einsteigen will, ist hier genau richtig, denn das Buch ist schon ein Projekt für den Leser!

Elisabeth Nagel

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Shotgun Lovesongs

Nickolas Butler

Little Wing, eine Kleinstadt im Norden Wisconsins ist Schauplatz dieser ebenso ruhig wie kraftvoll erzählten Geschichte um fünf Freunde, Liebe, Heimat und Musik. Abwechselnd lässt Butler die Protagonisten erzählen und schafft damit eine persönliche Nähe zu den handelnden Personen. Henry und Beth, schon immer ein Paar, schlagen sich mit ihrer Farm gerade so durch. Ronny musste nach einem Unfall seine Rodeo-Karriere beenden und berappelt sich gerade von seiner Alkoholsucht. Kip hat in Chicago Karriere gemacht, aber es zieht ihn zurück in die Heimat. Und auch Lee, der inzwischen international erfolgreiche Songwriter, sehnt sich nach einem Ruhepol. Ein Roman wie ein guter amerikanischer Folk-Rock-Song.

Sven Puchelt

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Die Überlebende - Ein Fall für Simran Singh

Kishwar Desai

Die Sozialarbeiterin Simran Singh wird aus Delhi in ihre frühere Heimatstadt Jullunder gerufen. Eine hochangesehene Familie wurde brutal ermordet. Einzig überlebt – und nun von allen verdächtigt – hat Durga, die 14-jährige Tochter der Familie. Das Mädchen ist schwer traumatisiert und hüllt sich in Schweigen. Simran versucht zu dem Mädchen durchzudringen und herauszufinden, was wirklich geschehen ist. Als sie erfährt, dass Durgas ältere Schwester Jahre zuvor verschwunden ist und Simran nun deren Spur verfolgt, fügt sich das Geschehen nach und nach zusammen. „Die Überlebende“ ist ein spannender Krimi und ein Gesellschaftsporträt Indiens, dessen Hauptaugenmerk sich auf die Situation der Frauen dort richtet.

Ulla Leber

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Stoner

John Williams

„Stoner“ ist 1965 in den USA erschienen, war ein großer Erfolg und ist trotzdem nach kurzer Zeit wieder in der Versenkung verschwunden. 2006 wurde der Roman wiederentdeckt und liegt nun endlich in deutscher Übersetzung vor. In der Tradition der großen amerikanischen Gesellschaftsromane lässt Williams das Leben eines Mannes am Leser vorüberziehen. Aus einfachen Farmerverhältnissen kommend, entdeckt der junge Stoner Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts am College seine Liebe zur englischen Literatur. Er verbringt sein ganzes Leben an diesem College. Unaufgeregt wie das Leben Stoners verläuft auch der Roman, der mich trotzdem, oder gerade deshalb, von Anfang bis Ende gebannt hat.

Sven Puchelt

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Lotta Wundertüte

Sandra Roth

Unser Leben mit Bobbycar und Rollstuhl: Lotta, drei Jahre alt, ein Schmoller, ein Schlawiner, blond, zickig, zäh, süß – und schwerbehindert. Wie lebt es sich mit einem solchen Kind? Ein ehrlicher, zutiefst berührender Bericht über Familie, Mut, Leiden und Lachen – und die Frage: Was zählt im Leben? Eines meiner Herzensbücher in diesem Herbst.

Birgit Rupp

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Die Liebestäuschung

Hernán Rivera Letelier

Pampa Unión, eine Stadt in der Atacama-Wüste im Norden Chiles, hat es wirklich gegeben. 1929 ist sie Anlaufstelle für die Arbeiter aus den umliegenden Salpeterminen, denn hier reiht sich ein Bordell ans andere, eine Spelunke an die nächste – die beste Möglichkeit, die trostlose Schinderei unter Tage für ein paar Stunden zu vergessen. Hier lebt auch die Kinopianistin Golondrina del Rosario. Sie ist schön und tugendhaft – ein Kontrast zu ihrer Umgebung – und unsterblich verliebt in den Trompeter und Windhund Bello Sandalio. Sie half ihm einmal aus einer Verlegenheit: Als er bei einer Tour durch die Etablissements zu weit ging, gewährte sie ihm mehr als ein Versteck. Gegen alle Erwartungen wird aus dem erotischen Abenteuer eine große Liebe, die aber aufgrund politischer Ereignisse einen tragischen Verlauf nimmt. Diese sehr südamerikanische, sehr sinnliche Liebesgeschichte ist gleichzeitig eine eindringliche Schilderung der Vergänglichkeit und Vergeblichkeit menschlichen Handelns in einer der unwirtlichsten Gegenden der Erde. Eine große Rolle spielt die Musik: Die Leidenschaft für sie verbindet die beiden Protagonisten und spiegelt sich in der Sprache.

Elisabeth Nagel

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Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz

Jordi Punti

Vier Söhne hat Gabriel Delacruz, Lastwagenfahrer aus Barcelona, der Ende der sechziger, Anfang der siebziger  Jahre Umzüge von Spanien nach ganz Europa fährt: Christof in Frankfurt, Christopher in London, Christophe in Paris und Cristòfol in Barcelona. Weder die vier Brüder noch deren Mütter wissen voneinander, außerdem hat sich der Vater seit Jahren nicht blicken lassen. Als Cristòfol Jahrzehnte später zufällig erfährt, dass Gabriel verschwunden ist, stößt er bei Nachforschungen in dessen Wohnung auf die Spuren seiner Halbbrüder. Sie treffen sich und rekonstruieren in vielen kleinen Geschichten und Erinnerungen das Leben des Vaters. Ein wunderbar fabulierter Roman. 

Sven Puchelt

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Kornblumenblau

Schünemann & Volic

Kornblumenblau ist der gelungene Auftakt einer Krimireihe des deutsch-serbischen Autorenduos Christian Schünemann und Jelena Volic. Im Mittelpunkt steht die sympathische Rechtsexpertin Milena Lukin, die mit ihrer Mutter und ihrem Sohn in Belgrad lebt. Sie ist Spe-zialistin für internationales Strafrecht und muss ständig um die Finanzierung des Instituts, für das sie arbeitet, bangen. Ihr Freund, der Anwalt Sinisa Stojkovic, bittet sie in ein brisanten Fall um Unterstützung. Die Eltern zweier toter Soldaten haben ihn beauftragt den Tod ihrer Söhne noch mal genau zu untersuchen. Doch ihre Nachforschungen sind gewissen Kreisen ein Dorn im Auge.

Der Kriminalfall basiert auf einer wahren Begebennheit: 2004 wurden zwei Soldaten auf dem Gelände der Belgrader Kaserne Topcider tot aufgefunden. Suizid, hieß es und das Militärgericht stellte die Untersuchungen ein.

Doch bald stießen Experten auf Ungereimtheiten. Mussten die Soldaten sterben, weil sie den untergetauchten Kriegsverbrecher Ratko Mladic in der Kaserne gesehen hatten? Man darf auf die nächsten Fälle für Milena Lukin gespannt sein.

Jeannine Beihofer 

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Brooklyn

Colm Tóibín

Ellis wandert auf Drängen ihrer Familie nach New York aus, da sie im Irland der 50er Jahre keine beruflichen Perspektiven hat. Allen Herausforderungen begegnet sie trotz ihrer Unerfahrenheit mit ruhiger Gelassenheit und bleibt sich immer selbst treu. Genau diese Eigenschaften machen sie so sympathisch und man verfolgt mit großer Anteilnahme, wie sie sich von dem jungen, unselbststän-digen Mädchen zu einer Frau entwickelt, die unbeirrt ihren Weg geht bzw. wieder auf ihn zurück findet. Außerdem viel Lokalkolorit aus dem New York der 1950er.

Elisabeth Nagel 

 

 

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Sommer in Maine

J. Courtney Sullivan

Bei den Kellehers, einer irischstämmigen Familie aus Massachusetts, läuft einiges schief, aber nach außen hält man zusammen. Nur im Sommerhaus der Familie in Maine zeigen sich die Risse in der Fassade. Während des unbeschwerten Lebens mit Sonne und Strand treten tiefe Zerwürfnisse zutage. Es gibt ein Alkoholproblem, das vor allem die alte Matriarchin Alice und ihre Tochter Kathleen zu bewältigen haben. Zwischen den drei erwachsenen Geschwistern und deren Lebensgefährten gibt es heftige Rivalitäten. Enkeltochter Maggie erwartet ein Kind von einem Mann, der sie nicht liebt. Außerdem versuchen die Familienmitglieder ihre dunklen Geheimnisse vor den anderen zu verbergen. Alice zum Beispiel fühlt sich schuldig am Tod ihrer Schwester. Um diese Schuld auszugleichen, verspricht sie das Sommerhaus als Erbschaft der Kirche. Die Familie weiß nicht, dass sie einen ihrer letzten Sommer in Maine verbringt. Als es herauskommt, brechen die Konflikte wieder auf. Die Autorin erzählt spannend die Geschichte dreier Frauengenerationen. 

Anja Saly

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Fast Genial

Benedict Wells

Francis, knapp achtzehn, wohnt mit seiner Mutter in einem heruntergekommenen Trailerpark in New Jersey. Eines Tages erfährt er die Wahrheit über seine Zeugung. Offenbar verdankt er seine Existenz einem absurden Experiment, an dem seine Mutter damals teilgenommen hat. Bisher dachte er, dass sein Vater abgehauen sei und die Familie im Stich gelassen habe. Nun will er die Wahrheit  wissen! Mit seinem Freund Grover und Anne-May, dem Mädchen seiner Träume, geht er auf die Suche nach seinem Vater. Ein klasse Roadmovie, spannend bis zum letzten Satz

Barbara Casper

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Der Trafikant

Robert Seethaler

Österreich 1937:  Der 17-jährige Franz Huchel kommt aus der Provinz nach Wien. Dort beginnt er bei dem Juden Otto Trsnjek eine Lehre in dessen Trafik (einem Zeitungs- und Tabakgeschäft). Franz freundet sich mit  dem Stammkunden Sigmund Freud an. Der naive Franz und der abgeklärte Freud sind beide auf ihre Art klug und ihre Begegnungen eine gegenseitige Bereicherung.  Auf den Rat von  Freud  „viel an die frische Luft zu gehen und sich ein Mädchen zu suchen“, verliebt sich Franz unsterblich, aber auch unglücklich. Wieder sucht er Rat bei seinem väterlichen Freund, doch die Zeiten sind ungünstig für die Liebe. Der Anschluss ans Deutsche Reich erfolgt  und Österreich versinkt im braunen Sumpf. Otto Trsnjek wird denunziert und abgeholt. Freud flieht in letzter Minute aus Wien. Wie es Franz gelingt, seinen inneren Anstand zu wahren und den Drohungen und Verführungen der Nazis zu widerstehen,  wird glaubwürdig und sprachlich von der ersten bis zur letzten Seite überragend erzählt. 

Eine Geschichte  (komisch und tragisch) mit einer sehr liebenswerten  Hauptfigur, die mich sehr berührt hat. Und ein Autor, den ich neu für mich entdeckt habe.

Margret Thorwart

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Wenn ich dich umarme hab keine Angst

Fulvio Ervas

Diese Reise beginnt lange vor dem Aufbruch, sie beginnt mit der Diagnose: “Ihr Kind ist autistisch.” Jahre später fahren Franco und sein Sohn Andrea mit dem Motorrad quer durch den amerikanischen Kontinent. Ein Abenteuer, das durch kontrastreiche äußere und innere Landschaften führt und Vater und Sohn einander näherbringt.

Andrea, 17, lacht viel und wirkt glücklich. Aber er ist wie ein Funkgerät, das nur empfangen, nicht senden kann. Gefühle vermag er nicht zu formulieren, und um einen Eindruck von einer Person zu erhalten, legt er die Arme um deren Bauch. Weshalb die Eltern den Satz  “Wenn ich dich umarme, hab keine Angst” auf Andreas T-Shirts drucken lassen. Über Jahre absolviert die Familie Therapie um Therapie. Bis sich Vater und Sohn auf ein Motorrad setzen und eine Fahrt ins Blaue antreten. Dabei reisen sie von Florida nach Kalifornien, von Mexiko nach Guatemala und durch Brasilien, und je weiter sie sich von zu Hause entfernen, umso näher kommen sie sich. Zurück in Italien, trifft der Vater den Autor Fulvio Ervas. Der hört sich die Geschichte von Franco und Andrea an – und lässt sich zu dem Buch  inspirieren. Für mich ein faszinierendes und berührendes "Roadmovie" in Buchform.

Birgit Rupp

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Die Dunkelheit in den Bergen

Silvio Huonder

Ein hochspannender historischer Kriminalfall, in dem finstere Gestalten mit einer schaurig-schönen Landschaft verschmelzen: Anarchie ist in Graubünden im 19. Jahrhundert an der Tagesordnung. Deserteure, Diebe und Bettler streifen plündernd durch die Berge. 1821 geschieht in der Mühle bei Bonaduz ein brutaler Mord. Der Verhörrichter Baron von Mont begibt sich mit zwei heimgekehrten Söldnern auf die Spur des Verbrechens. Die Detektivarbeit in den abgelegenen Tälern ist beschwerlich. Dennoch gelingt es von Mont, mehrere Verdächtige aufzuspüren und vor das Kriminalgericht in Chur zu bringen. Ein packender Schauerroman, den man nicht mehr aus der Hand legen kann.

Birgit Rupp

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Öl auf Wasser

Helon Habila

Port Harcourt, Nigeria. Die Ehefrau eines britischen Ölmanagers ist entführt worden. Als eine Lösegeldforderung eingeht, wittert der junge Journalist Rufus die Chance zu einer großen Story und macht sich mit dem gealterten Starreporter Zaq im Nigerdelta auf die Suche nach der Entführten. Was eigentlich Afrika aus dem Bilderbuch sein könnte – die unzähligen Flussarme des Niger und seine Mangrovenwälder -, ist durch jahrzehntelange Erdölförderung ökologisches Katastrophengebiet und zerrissen von Gewalt und Gier. Zaq und Rufus geraten zwischen die Fronten von Militär und Rebellentruppen und als Leser glaubt man lange, dass die beiden Journalisten nicht lebend von ihrer Mission zurückkehren werden.

Dieser Fast-Krimi ist gleichzeitig auch Gesellschaftsporträt und hat mich begeistert, weil er eine spannende Handlung mit einem realen politischen Hintergrund verbindet. Habila schildert zwar die bedrückenden Lebensumstände der Menschen im Nigerdelta, lässt aber letztendlich die Menschlichkeit siegen.

Elisabeth Nagel

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